Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

Seite: 77
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yiouxöv — Klugheit. Löwengesicht — i
d-vfirjiixöv ■— Starknmth. Rind — im-
d-v/A,t]iixöv —- Mäßigkeit. Adler — <5«>-
Qauxöv — Gerechtigkeit *). Während an
der einen Stelle Ambrosius die vier Ge-
sichte als das Leben der Seele, das von
den vier Kardinaltugenden getragen wird,
die vier Räder als das Leibliche und Er-
denleben auffaßt, ohne irgendwie 511 ver- j
rathen, daß er etwas von der Deutung
der vier Gesichte auf die Evangelisten
wisse, so dürfte doch durch ihn die lieber- ,
lieferung nicht ganz durchbrochen werden.

An einer zweiten Stelle^), an der er
beinahe im Wortlaut diese neue Erklä- i
rung wiederholt, erwähnt er ausdrücklich
die Beziehung auf die Evangelisten als
herkömmlich, jedoch mit wesentlich neuer
und von der gewöhnlichen Deutung ver-
schiedener Auffassung. Er sieht in Ezech.
1, 3—11 die Vereinigung der begnadigten
Seele mit Christus in der seligen An-
schauung, welche da den Besitz der vier
Kardinaltugenden in sich schließt. Diese
bildeten den Inhalt der Lehre Jesu Christi,
also auch der Evangelien, so daß den ein-
zelnen Evangelisten mit Recht je ent Ge-
sicht Ezechiels, als das Symbol des In-
haltes ihrer Evangelien, beigegeben wird.

Die frühesten datirten Bilder Bans
^olbeins des Aelteren im Dome
zn Augsburg.

Ente Erwiderung, b)

Von Dr. A. Schröder.

Auf die Ausführungett des Herrn Max
Bach in Nr. 5 dieser Zeitschrift (oben
S. 51 ff.) habe ich folgendes zu ertvi-
dern:

1. Herr Bach gibt zu, daß er gegen-
über den Dombildern in der Ableugnung
jeglichen Naturalisntus zu weit gegangen
sei; es finden sich, sagt er, einzelne Köpfe,
die offenbar nach dem Leben gentalt sind.
Einen völligen Konventionalismus hält er
also nicht mehr aufrecht, einen theilweisen
habe ich selbst ausdrücklich anerkannt und

') de Abraham II 8, 54 edit. C. Schenkt
in Corpus script. eccl. lat XXXII (Vind.
1897) 607.

*) De virg. 18, 113 (Migne 16, 295 B).

s) Vergl. „Archiv für christliche Kunst" 1898,
51 ff.; „Repertorium für Kunstwissenschaft" 24
(1901), 137 ff.

behauptet. Wir sind also einander schon
ganz nahe gekommen, und es erübrigt
nur, daß Herr Bach nun auch die Schluß-
folgerung ziehe. Denn wo fänden sich bei
Zeitblom Köpfe, die so viel individuelle
Eigenart zur Schau trügen! Ich kann
Herrn Vach noch ein weiteres Bedenken
benehmen, das ihn von der Anerkennung
der Urheberschaft Holbeins abhält. Ge-
rade das kleine Nebenbild „Mariä Krö-
nung" in der Darstellung der Beschnei-
dung Christi, das für das Vorherrschen des
Konventionalismus besonders beweiskräftig
sein soll, ist bei der Restauration erst neu
hinzugemalt worden'), wie mir Herr
Konservator v. Huber mittheilte.

2. Die Gcwandbehandlnng möchte ich
als stilkritisches Kennzeichen nach wie vor
festhalten und glaube darin des Beifalls
sämtlicher maßgebenden Knnsthistoriker
sicher zu sein.

3. Ebenso ruhig überlasse ich die Ent-
scheidung darüber, ob zwischen der weib-
lichen Nebenfigur im Dombild der Be-
schneidnng und den entsprechenden Figuren
der „Paulsbasilika" und des Kaisheimer
Bildes der „Darstellung" eine Ueberein-
stimmung bestehe, der vergleichenden Be-
trachtung der drei nebeneinander gehalte-
nen Figuren. Hiefür Beweise häufen zu
wollen, wäre umsomehr eine Wortver-
schwendung, als Herr Bach schließlich doch
durch das Hinterthürchen der Eignerischen
Restauration entschlüpfen möchte. Wenn
er aber diese Figur im Dombild der
Beschneidung aus Mekenems Kupferstichen
entlehnt sein läßt, so bleibt er auf halbem
Wege stehen; denn nicht nur diese Einzel-
fignr des einzelnen Bildes, sondern die
ganze Komposition aller vier Dombilder
wäre in diesem Fall den Stichen Meke-
nems entlehnt, mit denen sie sich bis herab
zu Kleinigkeiten decken, und wir kämen
damit zu einer ganz neuen Auffassung über
Mekenem: dieser sonst fast nur als Kopist
von Gemälden bekannte Stecher wird zum

<- -- vn/tlfts

VON V^emuiucu Vtiuuuvv .

hervorragenden produktiven Künstler, wäh-
rend der Meister der Augsburger Dom-
bilder, den man bisher unter allen Um-
ständen für einen bedeutenden Künstler
hielt, zum kleinlichen Kopisten herabsinkt.

') Vergl. mein Schriftchen: „Die Domkirche
zu Augsburg", 1900, S. 18.
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