Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

Seite: 83
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Jahre gelesen haben. Außer der Malerei, die ja
heutzutage unter den bildenden Künsten dominirt,
»nd welcher deshalb auch tut Jahrbuch der größte
Raum gewidmet ist in der Form von Berichten
über Kunstausstellungen und in einzelnen Mono-
graphien, kommen auch die Plastik, die Architektur
und das an Bedeutung immer mehr gewinnende
Kunstgewerbe zu ihrem Rechte, und namentlich
sind die so hoch entwickelten graphischen (repro-
duzirenden) Künste in gebührender Weise berück-
sichtigt. Von dem Stande der letzteren erhalten
wir überdies interessante Proben in den > 5 Kunst-
beilagen (Heliogravüren, zum Theil nach Nadi-
rungen; Vierfarbendrucke nach Oelgemälden und
Aquarellen; Lichtdrucke nach Zeichnungen und
Lithographien; Zweifarbenholzschnitt), die im Ver-
ein mit 53 weiteren Illustrationen (in Autotypie)
und 10 originellen Initialen und Vignetten den
Text in wirksamster Weise unterstützen und er-
gänzen. Von unserem Standpunkt aus können
wir es mit Freuden begrüßen, daß in der Aus-
wahl der Abbildungen die geschmacklosen Albern-
heiten und frivolen Obscönitäten des modernen
sogenannten Jugendstils so gut wie ganz über-
gangen sind, und so auf den gesunden Sinn
und das natürliche Anstandsgefühl weit mehr
Rücksicht genommen ist, als in manchen Familien-
zeitschriften.

Während das Jahrbuch in seinem ersten Theil
auf 1 >6 Seiten einen Ueberblick über den gegen-
wärtigen Stand der bildenden Kunst giebt, will
der zweite Theil praktischen Bedürfnissen Rech-
nung tragen, indem er auf 827 Spalten eine
Reihe von Verzeichnissen bietet über Vereinigungen,
Sammlungen, Schulen, Firmen u. s. w., welche
für die Kunst und das Kunstgewerbe von Bedeu-
tung sind, vor Allem aber über noch lebende
Künstler und Kunstschriftsteller des deutschen
Sprachgebietes mit kurzer Angabe ihrer Perso-
nalien und ihrer Hauptwerke. Bei der kknmasse
der hiefür erforderlichen einzelnen Angaben wollen
oiese Zusammenstellungen, welche im vorigen Jahre
zum ersten Mal unter dem Titel „Almanach für
bildende Kunst »nd Kunstgewerbe" veröffentlicht
wurde», natürlich noch keinen Anspruch auf Voll-
ständigkeit machen, sondern es rechnet der Her-
ausgeber auf Beiträge ans dem Leserkreis, und
so möchte auch hier vorgeschlagen werden, unter
°le Kunstverlage und Kunsthandlungen" die für
kirchliche Kunst bedeutsame Firma Benziger in
t,lnsledcln und unter die „Kunstvereine" die öster-
reichische Leogesellschaft >zur Verbreitung künst-
lerischer Andachtsbilder; Wien und Stuttgart)
und den „Rottenburger Diözesanverein für christ-
liche Kunst" aufnehmen zu wollen (das „Archiv"
ist bereits unter den „Kunstzeitschriften" ange-
snhrt). Das reichhaltige und schön ausge-

stattete Werk mit seinem von Künstlerhand ent-
worfenen Einband kann bei dem verhältnißmäßig
äußerst billigen Preis von 8 M. allen Künstlern
und Kunsthandwerker» und allen Freunden der
bildenden Kunst bestens empfohlen werden.

vr. F u ch S.

Gradmann, Nr. Engen: Geschichte der
christlichen Kunst, herausgegeben vom
Calwer Verlagsverein. Mit 320 Abbil-

dungen. Calw und Stuttgart. Verlag
der Vereinsbnchhandlung. 1902. 616 S.
brosch. M. 10.—. gebd. M. 12.-.
Gradmann will nicht eine Kunstgeschichte der
christl. Zeit, sondern eine Geschichte der christl.
Kunst geben, mit vertiefter und am rechten Ort
auch weiter ausgreifender, nnifassender Behand-
lung des Stoffs vom protestantischen und evan-
gelischen Standpunkt, und zwar sollen die Kunst-
erzeugnisse aus den Bedürfnissen des Gottes-
dienstes, die Bildiverke aus den religiösen Idealen
lind Stimmungen erklärt, der Bilderkreis ein-
gehend erörtert, die altchristliche und byzanti-
nische Kunst als Basis für die spätere Entwick-
lung gründlich dargestellt, die Typen und Kunst-
vorstellungen womöglich auf ihre litterar. Quellen
zurückgeführt, die eigenthümlichen Kunstfornlcn der
Reformation mit der einem Sohne der evan-
gelischen Kirche natürlichen Vorliebe geschildert,
das Große und Schöne, was die kathol. und die
orthodoxe Kirche nufzuweisen haben mit freudiger
Bewunderung anerkannt werden. Dies die wich-
tigsten Sätze aus dem in der Vorrede niederge-
legten Programm. Der Text hält, was das
Programm verspricht. Die einzelnen Kunstdenk-
mäler werden nicht von irgend einem äußer-
lichen Gesichtspuickt aus aneinander gereiht,
sondern sie wachsen von selber aus dem mit
Sorgfalt und Geschick gezeichneten Hintergründe
heraus. Auch die Charakteristiken einzelner
Meister oder Meisterwerke sind mitunter wahre
Prachtstücke einer bei aller Kürze des Ausdrucks
treffenden Darstellung und dem Leser eröffnen
sich psychologische Tief- und kulturgeschichtliche
Fernblicke, die man in manchen, wenn auch nicht
in allen Werken ähnlicher Art vergebens sucht.
Jedoch sind wir's unfern katholischen Lesern schul-
dig, auf einen Mangel hinzuweisen. Die Calwer
Kirchengeschichte mußte sich seiner Zeit eine ver-
nichtende Kritik in den „Historisch-politischen Blät-
tern" gefallen lassen; und der hochverdiente Otte
glaubte in der Vorrede zur 5. Auflage seines
vortreffliche» Hauptwerkes seinen evangelischen
Kollegen gegenüber schreiben zu müssen: „Zu
konfessioneller Polemik habe ich bei aller Ent-
schiedenheit meiner protestantischen Gesinnung auf
diesem Gebiete weder Beruf noch Neigung, muß
aber einer gewissen modernen Strömung in der
evangelischen Kirche gegenüber nachdrücklichst be-
tonen, daß ich durch »reine Bestrebungen romani-
stischen Tendenzen irgend Vorschub zu leisten, durch-
aus nicht gewillt bin." Es muß demnach aus
evangelischer Seite Leute geben, die das Los-
schlagen auf die Katholiken, ihre Kirche re. auch
in solchen Werken als etwas Pflichtmäßiges an-
schen. Wir gestehen gerne zu, daß wir auf Grund
der Vorrede uns auf mehr konfessionelle Vorein-
genommenheit gefaßt machten, als wir nachher
im Text fanden, und daß insbesondere die von
Gradmann selber bearbeiteten Theile fast durch-
weg auch von ernenr Katholiken ruhig hingenom-
men werden können. Er wird zwar die These
von der Umwandlung der Kirche in eine Sakra-
nientsanstalt (S. 26) nicht ohne Kopfschütteln
hinnehmen; allein wenn Theologen von Fach sie
verfechte», so kann inan von einem Laien nicht
erwarten, daß er sie umstößt. Man wird es auch
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