Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

Seite: 85
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NW dcS Nottciiüill'ger ?iözksliii-!8kreiiiS fiir lhnstliche Kiinst.

kjcraiisgegcl'cn und redigirt von Pfarrer Detzcl i» St. Lbristiiia-Rciveiisburg.

Verlag des Rottcuburger Diözesail-Kimstverciiis;
Kommissionsverlag der Dornfchcn Buchhandlung (Friede, llllber) in Ravensburg.

Or. 8.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährlich für M. 2.— durch die württeniberglschen, M. 2.02
durch die bayerischen und die Neichspostanstalten, Kronen 2.54 in Oesterreich, Frks. 3.40 in
der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden auch angenommen von allen Buchhandlungen 100^
sowie gegen Einsendung des Betrags direkt von der Dornschen Verlagsbuchhandlung in s
Ravensburg (Württemberg) zum Preise von M. 2.05 halbjährlich.

Lin Gang durch restaurirte
Kirchen.

Von Pfarrer D e tz e I.

(Fortsetzung.)

Die erste eigentliche Einleitung zur Re-
stauration der Stadtpfarrkirche in Wangen
begann jetzt damit, das; der Stadtban-
meister daselbst beauftragt wurde, einen
Kostenüberschlag über Gerüste, Ausschei-
bung und Ausbesserung der defekten Theile
der Kirche, überhaupt über alle zur Aus-
führung der Restauration nöthigen Vor-
bereitungen zu machen. Das viele zum
Gerüsten nöthige Stangenholz, Bretter
u. s. w. wurde von Pfarrangehörigen
bereitwillig und unentgeltlich geliefert.
Im Laufe des Herbstes und Winters (1898)
wurden durch Gppsermeister Bitschnau von
Wangen die sämintlichen Wände ausge-
bessert und geglättet, überflüssige Stncca-
turen und Statuen entfernt, um die
Flächen für das Bemalen fertig zu stellen.
Im Frühjahre 1899 wurden durch Glaser-
meister Manal in Leutkirch in der ganzen
Kira;e neue Fenster eingesetzt aus
Kathedralglas in Rautenformen mit ge-
malten und eingebrannten Bordüren nach
Zeichnungen, die vom Dekorationsmaler
der Kirche eigens entworfen und zu der
folgenden Bemalung der Kirche im Ein-
klang stehen mussten.

Während im Herbste 1898 mit der
Aufstellung der Gerüste begonnen wurde,
sollten jetzt zugleich auch diejenigen Meister,
welche mit der eigentlich künstlerischen
Ausstattung der Kirche beauftragt werden
sollten, berufen und ihnen die Ausarbei-
tung von Plänen übertragen werden. Es

sollten natürlich nur tüchtige und in ihrem
Fache erprobte Künstler bestellt werden und
fiel die Wahl des Stiftungsrathes ein-
stimmig auf den Dekorationsmaler H ans
M a r t i n in München, den Historienmaler
Gebhard Fngel daselbst und den
Bildhauer und Altarbauer Theodor
Schnell jun. in Ravensburg. Im
April 1899 waren die Pläne und Kar-
tons für die Ausmalung der Kirche fertig
gestellt, und nachdem dieselben von der
kirchlichen Oberbehörde genehmigt waren,
konnte am 2. Mai dieses Jahres mit der
dekorativen Ausmalung der Kirche be-
gonnen werden, an welcher Arbeit bis in
den Herbst hinein ununterbrochen 8 bis
10 Mann khätig waren.

Was nun diese Dekorations-
malerei von Martin betrifft, so wird
jedem Sachverständigen beim Betreten der
Kirche sofort auffallen, das; hier nirgends
nach den gewöhnlichen, überall zu finden-
den Schablonen gearbeitet wurde, sondern
lauter eigene Motive zur Ausführung
kamen.

Der angenehme, Helle Lokalton der
ganzen Kirche, die farbig fein gestimmte,
ganz originelle, auf den ersten Blick etwas
fremdartig, fast modern erscheinende, aber
doch kirchlich würdige Ornamentik über-
rascht uns in diesem Gotteshause und wir
besinnen uns vergeblich, etwas Aehnliches
in den neuen Kirchenansmalnngen gesehen
zu haben. Wie wird die Sache zu den
projektirten Bildern stimmen? — mußte
man sich nach Fertigstellung der Deko-
rationsarbeiten fragen. Aber es stimmt
herrlich!
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