Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

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später an die Stelle der etivas unge-
wyhnten Wappen ebenfalls figurale Äla-
lereien kämmen werden, uin bezüglich der
Vertheilnng der Bilder in der Kirche die
einem kunstgeübten Auge etwas auffallende
Disharmonie verschwinden zu lassen.

Und nun zu den Bildern des Mittel-
schiffes! Hier tritt uns ein Werk der
kirchlichen Malerei entgegen, wie es weder
in unserer Diözese, noch in weiterem Um-
kreise an Umfang und Gediegenheit zu
finden ist, ein Werk, das seinen Meister,
unfern Landsmann G e b h ardFugel ganz
auf der Höhe seines künstlerischen Schaf-
fens zeigt. Da halt den Besucher der
Kirche gleich bei seinem Eintritte eine
großartige, religiös tiefempfundene Kom-
position am Tympanon des Chorbogens
gefesselt, die in ihrer Gesammtheit nach der
Bezeichnung und Erklärung des Künstlers
selbst die „triumphirende Kirche
Gottes" darstellt. Die Mitte der umfang-
reichen Konzeption nimmt die heilige Drei-
faltigkeit in Gestalt ein, wie Gott Vater auf
dem Regenbogen thront und mit auSgc-
breiteten Händen den Kreuzesbalten hält,
an welchem sein eingeborener Sohn
hängt; darüber schwebt der heilige Geist
in Gestalt einer Taube und in goldenen
Nimbus gehüllt. Diese Art der Dar-
stellnng der allerheiligsten Dreifaltigkeit,
bekannt auch unter dem Namen „Gnaden-
stnhl", vereinigt das unerforschliche Ge-
heimnis; der Trinität mit dem der Mensch-
werdung Jesu Christi und unserer Er-
lösung. Es zeigt also insinnigster
W e i s e d e m i n d a s G o t t e s h a u s E i n-
tretenden gleich den Inbegriff
aller Geheimnisse unseres hei-
ligen Glaubens, das Fundament
der ganzen ch r i st l i ch e n L e h r e. Zwei
in lieblich naiver Form gegebene und mit
weißen Gewändern angethane Engelchen,
welche eine Wolke tragen, die den Schemel
der Füße Gottes bildet und das symbolische
Bild eines Brunnens darunter, die von
der heiligen Dreifaltigkeit ausgehende
Gnadenquelle anzeigend, schließen das
Ganze nach unten ab. Unmittelbar um
das Bild der Trinität selbst schweben an-
betende Engel mit Posaunen und Rauch-
fässern, die Erfüllung der Befehle Gottes
und Gebete andeutend, welche vor den
Thron des Allerhöchsten gebracht werden.

Links vom thronenden Gnadenstuhle der
heiligen Dreifaltigkeit — vom Beschauer
aus rechts — sieht man die Hauptver-
treter des alten Bundes in der Anschau-
ung Gottes vereinigt und zwar zunächst
am Throne das erste Elternpaar, Adam
und Eva, sodann Moses und Johannes
den Täufer, diesen folgen der König
David, Abraham und Noe, letzterer ohne
Attribut, darunter der Prophet Jsaias,
welcher die Erlösung durch den Kreuzes-
tod Christi vorausschaut. Rechts vonr
Throne Gottes — vom Beschauer aus
links — ist die Kirche des neuen Bundes
vereinigt. An erster Stelle kniet hier die
hl. Jungfrau, die neue Eva, neben ihr
der hl. Joseph, sodann kommen Papst
und Bischof, die Stifter des Benediktiner-
und Franziskanerordens und zuletzt er-
scheint ein König als Vertreter der von
Gott gewollten weltlichen Macht. Darunter
sieht man den emporschwebenden Schutz-
engel, welcher die ihin anvertraute Seele
in den Himmel geleitet. Es ist also diese
unterste weibliche Gestalt die Personifi-
kation einer armen Seele, nicht die heilige
Magdalena, wie man auf den ersten Blick
glauben könnte. Der Künstler wollte
jedenfalls mit dieser abschließenden Gruppe
andeuten, wie durch die streitende Kirche
hier auf Erden fortgesetzt der Himmel
bevölkert werde, indem die heiligen Engel
Gottes diejenigen Seelen, die hier auf
Erden den guten Kampf gekämpft und
den Glauben bewahrt haben, in den Hiin-
mel geleiten. Das Gegenstück zu dieser
Gruppe bildet am anderen Ende des
Vogens der Erzengel Michael, wie er den
Satan überivindet, eine Erinnerung zugleich
an das Kirchengebet nach der heiligen
Messe, worin der heilige Himmelsstreiter
im Kampfe gegen die höllischen Mächte
angerufen wird. Durch diese beiden ab-
schließenden Gruppen rechts und links am
Chorbogen hat der Meister zugleich eine
Erinnerung an das jüngste Gericht ge-
geben, wie ja auch dieser gewaltigste
Gegenstand der christlichen Kunst im Mittel-
alter so oft gerade an dieser Stelle ge-
malt war. Mehr den Hintergrund ab-
schließend, sieht man noch die neun Chöre
der Engel mit ihren Attributen, zunächst
am Throne Gottes rechts den Cherub
mit dem Flammenschwert und dem mit
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