Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

Seite: 89
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Schüler, die sich ihm zugesellt und die mit
ihm die erste Klostergemeinde bilden, eine
ebenso einfache als vielsagende Darstel-
lung, fein durchgebildet in Komposition
ilnd Zeichnung.

Als zwischen den Jahren 373 und
372 Lidarins, der zweite Bischof von
Tours starb, wünschten sich die Tou-
rouenser niemand anders zu ihrem
Bischof als Martinus; aber wie ihn aus
seiner Zelle locken, die er so ungern ver-
ließ? Ein Bürger von Tours bat ihn
zu seiner mit dem Tode ringenden Frau;
doch kaum hatte Martinus den Fuß über
die Schwelle des Klosters gesetzt, als die
im Hinterhalt verborgenen Schaaren von
Bürgern aus Tours sich seiner Person
bemächtigten und ihn nach Tours brachten.
Hier empfing man ihn mit Jubel. Diese
Thal führt uns in einer meisterhaften
Komposition Fugel im zweiten, dem mitt-
leren Hauptbilde des Plafonds vor Augen.
Mit Lanzen bewaffnete Männer zu Pferd
haben den heiligen Gottesmann vor die
Thore der Stadt Tours gebracht und
halten hier an, in Erwartung der Dinge,
die da kommen sollen. Bereits aber ist
in großer feierlicher Prozession mit Kreuz
und Fahnen die gesammte Geistlichkeit der
Stadt Tours erschienen und bietet dein
demütigen Klostermann, der zu Pferde
sitzt und von einem Schüler begleitet ist,
die Bischoftsmitra an. Wie wird er sie
ausschlagen können, da auch alles Volk
der Stadt sich der Prozession angeschlossen
hat und voll Jubel seinem künftigen Bi-
schof entgegenzieht! Das alles ist nun
in so naturwahrer und doch hochfeier-
licher, würdiger Weise geschildert, daß es
jeden Beobachter fesseln muß. Der Meister
suchte in dieser wie in den anderen Dar-
stellungen namentlich auch den Kostümen
der Zeit getreu zu bleiben, und man sieht
wohl, daß er in dieser Beziehung ein-
gehende Studien gemacht und daß ihm
selbst die neueste Literatur über die alt-
christliche Gewandung nicht entgangen ist.

Der hl. Martinus wirkte viele Wnnder,
die seinen Ruhm im ganzen Oceidente und
Oriente verbreiteten und über die uns sein
intimer Freund und Biograph Snlpitins
Severus berichtet, der theilweise selbst
Augenzeuge derselben war. Er bediente
sich dabei theils des heiligen Kreuzes-

zeichens, theils geweihten Oeles, manch-
mal auch der Handauflegung oder der
Auflegung eines Stückchen Tuches, das
er von seinen Kleidern abgeschnitten hatte.
Besonders stark bewährte sich die Kraft
des Namens Jesu in ihm durch zahlreiche
Heilungen besessener Personen. Einen
Aussätzigen heilte er, als er einst in Paris
einzog, durch einen liebreichen Kuß. Diesen
letzten Vorgang zeigt uns das folgende
Medaillon, das darstellt, wie der hl. Mar-
tinns mit dem Bischofsstab in der Linken
vor den Thoren vor Paris sich zu einem
Aussätzigen niederbengt und ihn küßt,
während die ihn begleitenden Schüler ent-
setzt zurückweichen.

Das vierte Medaillon stellt den Tod
des Heiligen dar. Es kam endlich die
Zeit, in der Gott dem hl. Martinus die
himmlische Krone reichen wollte. Er er-
krankte ans einer Reise, die er nach Conde,
einer Pfarrei an der äußersten Grenze
seiner Diözese gemacht hatte und verlor
plötzlich alle seine Kräfte. Weinend sprachen
seine ihn umgebenden Schüler: „Vater,
warum verläßt Du uns? Warum läßt
Du uns Trostlose zurück? Reißende
Wölfe werden Deine Heerde überfallen!"
Martinus entgegnete betend: „Herr, wenn
ich noch Deinem Volke nothwendig bin,
ich weigere mich nicht der Arbeit, Dein
Wille geschehe!" Ganz in Gott gesam-
melt starb er am 11. November 397 oder
400 aus einem mit Asche bestreuten Buß-
sack. Wir sehen den heiligen Greis mit
langem Barte ans beut Strohlager gerade
ausgestreckt liegen, die Augen gen Himmel
gerichtet und die Hände schwach wie zum
Sprechen erhoben. Seine Schüler stehen
und kniecu nur ihn voll Trauer und er-
warten weinend seinen Tod, während vom
Himmel herab ein Engel mit dem Palmen-
zweig erschien, die Aufnahme des Heiligen
in den Himmel andeutend.

Die Bürger von Poitiers und Tours
stritten sich um den Leichnam des Ent-
schlafenen und die Touroner siegten. Sie
holten ihn feierlich in der Provinz ab und
brachten ihn auf dem Flusse Loire nach
Tours herauf. Als der Leichnam des
Heiligen sich der Stadt nahte, strömte ihm,
wie der Biograph erzählt, die ganze Stadt
und Umgegend entgegen, 200 Mönche sollen
sich eingefnnden haben, ebenso eine große
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