Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

Seite: 90
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Anzahl gottgeweihtcr Jungfrauen. Dieseu
großen, ernsten Leichenzug des hl.
Martinns auf der Loire nach Tours
nun führt die dritte und letzte große Dar-
stellung uns vor. Wir sehen wie eine
mächtige Anzahl von Klerikern und Mönchen
den Sarg auf dem Flusse begleitet und
wie eine noch größere Schaar von Gläu-
bigen nachfolgt voll Trauer über ihren
großen verstorbenen Bischof. Durch die
ganze große Menge geht eine weihevolle
ernste Stimmung und der Künstler ver-
stand es, selbst die umgebende Natur durch
ein entsprechendes Kolorit so zu sagen
dieser Stimmung einzuverleiben.

Was die technische Ausführung dieser
Kompositionen anlangt, so sind bloß die
drei großen Historienbilder polychrom ge-
halten, mährend die vier Medaillons grau
in grau gemalt sind und so gleichsam nur
die Begleiter der 'größeren Darstellungen
und die Ergänzung der Lebensgeschichte
des Heiligen sein wollen. Durch diese
Art des farbigen Unterschieds in den Bil-
dern wollte der Meister offenbar eine
Farbenüberfüllung am Plafond verhindern
und darauf hinwirkcn, daß die großen
polychromen Bilder und die einfarbigen
iu Verbindung mit der Ornamentik eine
ernste, ruhig stinnnende und doch schön
wirkende Farbenharmonie erzielen, was
ihm auch vollständig gelungen ist. Dieser
Plafond ist ein herrliches Denkmal christ-
licher, sagen wir mit Recht — katholischer
Kunst, vor der sich jede kleinliche Kritik
lächerlich machen müßte.

An den Wänden oberhalb der Arkaden
sind im Mittelschiff die zwölf Apostel
angebracht, welche die früheren Statuen er-
setzen, die jetzt wohl niemand mehr ver-
missen wird. Es sind prachtvolle Gestalten
voll Kraft und Würde, die aber einzeln
zu schildern uns hier zu weit führen würde,
nur das eine sei bemerkt, wenn wir diese
herrlichen Apostelgestalten eingehend be-
trachten, werden wir finden, daß der
Künstler in sinniger Erfindung einen Unter-
schied gemacht hat, gegenüber Gemälden,
wie sie an Altären sind oder sein sollen.
Während der christliche Künstler in letztere
und zwar mit Recht eine mehr fromme,
zur Andacht stimmende Empfindung legen
muß, zeigen die Apostel an bcu Wänden
einen gewissen edlen Realismus, eine mehr

historische Auffassung, ganz harmonierend
mit den Deckengemälden. Solche Bilder
an sülchen Orten haben ja auch einen ganz
anderen Zweck als die Bilder auf den
Altären. Haben letztere mehr einen er-
baulichen Charakter und treten sie gleich-
sam mit der Liturgie in Verbindung, so
ist die Aufgabe und der Zweck der ersteren
mehr der der frommen Erinnerung und
Belehrung.

Zur Entstehungsgeschichte der Gel-
berge und ihren bildlichen
Darstellungen.

Von Pfarrer Neiter-Vollmariagea.

Der erste Akt der Passion des Gott-
menschen hat auf dem Oelberge gespielt,
dem Berge des Aergernisses und der
Himmelfahrt. Dort stellte Jesus seine
menschliche Natur zwischen die göttliche
Gerechtigkeit und die Schuld der Mensch-
heit und ließ, um jene zu sühnen und
diese zu tilgen, Leib und Seele von ihnen
zermalmen, wie das Weizenkorn vom
Mühlstein zerrieben und die Traube vom
Kelterbanm gepreßt wird. Ein ergreifen-
des Schauspiel dieser in Gethsemani mit
Todesnot!) ringende Menschensohn! Kein
Zweifel, °daß die Christenheit von Anfang
an gerne und oft sich zu ihm geflüchtet und in
Kümmerniß und Trübsal, iit brennendem
Schuldgefühl und grimmiger Todesnoth
vertrauensvoll ihr Auge auf ihn gerichtet hat.

Allein wenn auch die Andacht schon
in den ersten christlicheil Jahrhunderten
sich manch' ein Bild von Christus am
Oelberg geschaffen, die Kunst hat — von
vereinzelten Fällen abgesehen, Detzel 1,
351 — lange gewartet, bis sie sich au
die Darstellung jenes ergreifenden Vor-
gangs im Oelgarten gewagt. Noch die
Konstanzer Armenbibel aus bcm Jahre
1300 (?) zeigt kein Bild von Jesus am
Oelberg, indem sie auf die Bilder des
Abendmahls und der Verschwörung gegen
den Heiland alsbald seinen Verrat!) durch
Judas folgen läßt. Erst im 15. und
10. Jahrhundert werden die Oelbergs-
darstellllngeil inlmer häufiger und allge-
meiner, und manche von ihnen, welche
aus jener Zeit stammen, vcrrathen ein
ganz bedeutendes künstlerisches Können,
wie z. B. der ehedem als Weltwunder
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