Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

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augestaunte Oelberg von Speier, welchen
Bischof Ludwig von Helmstädt (1478 bis
1504) und sein Domkapitel haben errich-
ten lassen.

Was hat nun die Errichtung der Oel-
berge im 15. und 16. Jahrhundert be-
sonders gefördert?

Monn sagt in seiner Geschichte der
bildenden Künste im Brnhrain und im
Kraichgan S. 54: „Vollständig richtig ist
die Behauptung: Die Bruderschaften,
Wallfahrtsorte und Heiligenverehrnngen
eines kleinen Landes haben in hohem
Grade anregend und fördernd ans die
bildenden Künste eingewirkt. Sie habe»
weit mehr Künstler beschäftigt und für die
Knust und Poesie Wichtigeres geleistet als
die größten Universitäten in Deutschland.
Leider ist dieser Theil der lokalenLirchen-
geschichte viel zu wenig wissenschaftlich
behandelt worden." Wir brauchen diese
Behauptung nicht in allweg zu unter-
schreiben, werden aber doch jedenfalls
daran festhalten müssen, daß in der Thal
die religiösen Bruderschaften schon manches
Kunstwerk in's Leben gerufen haben.
Wir machen hier besonders die Drei-
faltigkeits- und Nosenkranzbruderschaften
namhaft, ferner die Bruderschaft zur hl.
Ursula, welch' letzterer die deutsche Kunst
die vorzüglichsten Holzschnitte des 15. und
16. Jahrhunderts zu verdanken hat. Eine
Bruderschaft war es auch — die Bruder-
schaft zu U. l. F. —, welche den be-
rühmt gewordenen Hochaltar in Kalkar
in Bestellung gegeben (Beissel, Historisch-
politische Blätter l. Heft 1902). In
ähnlicher Weise haben nun auch die
Todesangst-Christi-Bruderschaften, welche
sich die Verehrung der im Mittelalter so-
genannten Noth Gottes zum besonderen
Zwecke setzten, in weiten Kreisen das
Kunstleben in vortheilhafter Weise beein-
flußt und sich manche Verdienste um die
Kunst erworben.

Die confratemitates agoniae haben die
Andacht zu dem in Gethsemani leidenden
und betenden Heiland allenthalben beliebt
gemacht und für die bildliche Darstellung
desselben Herzen und Hände gewonnen.
Unter ihrem theils direktem, theils in-
direktem Einfluß sind sicher zahlreiche
Oelberge entstanden, und es müßte eine
wahrhaft lohnende Aufgabe sein, den

I Spuren dieses Einflusses in den einzelnen
Ortschaften und Städten nachzugehen.

Bei Beantwortung der Frage, was die
Errichtung von Oelbergen in den ge-
nannten Jahrhunderten besonders be-
günstigt habe, müssen wir in zweiter
Linie Hinweisen ans die Beziehungen
zwischen dem Oelberge und der hl. Messe.
Die hl. Messe ist eine Gedächtnißfeier des
bitteren Leidens Jesu Christi— »recolitur
memoria passionis ejus«. Dieser Ge-
danke hat frühzeitig dazu geführt, daß
man die einzelnen Scenen des Leidens
Christi mit dem Ritus der hl. Messe in
Zusammenhang brachte und z. B. sagte:
Wenn der Priester zum Altäre hintritt,
betrachte, wie Christus in den Garten
Gethsemani geht. Wenn der Priester mit
Fuße des Altars die hl. Messe anfängt,
betrachte, wie Christus am Oelberg zu
seinem himmlischen Vater betet. Wenn
der Priester sich zum Confiteor nieder-
beugt, betrachte, wie der niedergebeugte
Christus vor Angst blutigen Schweiß ver-
gießt. Wenn der Priester hinaufgeht und
den Altar küßt, betrachte, wie Christus
von Judas mit einem Kusse verrathen
wird. Wenn der Priester zur Seite tritt,
betrachte, ivie man Christus gefangen
wegführt u. s. w. So kam es nun, daß
der Oelberg, welcher gerne am Hanpt-
eingang angebracht war, vielfach als
Symbol des Staffelgebetes und des hl.
Meßopfers überhaupt angesehen wurde,
ja daß man durch eine Andacht vor
diesem plastischen Bildwerke das Anhören
einer hl. Messe ersetzen zu können glaubte.
Solche Vorstellungen umreit gewiß dazu
angethan, den Bau von Oelbergen zu
fördern und die Zahl derselben zu ver-
mehren, und auch hier müssen wir wieder
hervorheben, daß es ohne Zweifel eine
schöne Aufgabe wäre, die Geschichte der
Oelberge unter diesem Gesichtspunkte in's
Auge zu fassen und zu prüfen. — Dafür,
daß die Andacht am Oelberg ein Ersatz
sein solle für die Anhörung der heiligen
Messe, können wir einen Beleg nicht an-
führen. Dagegen möchten wir einen Zug
einflechten, welcher immerhin Beachtung
verdienen dürfte. Wir erinnern uns noch
gut, wie ehedem beim Religionsunterricht
im Gymnasinm zu Gmünd immer wieder
gesagt wurde, daß man am Sonntag dein
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