Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

Seite: 92
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Kircheugebot nicht genüge, wenn man nur
auf den Salvator gehe, man müsse auch
der hl. Messe anwohnen. Es hat also
dainals wohl in einzelnen Köpfen die
Anschauung geherrscht, daß ein Gang auf
den Calvarienberg und ein Gebet daselbst
von der Anhörung der hl. Messe dis-
pensire. Sehr leicht möglich, daß es sich
hier mehr nur um eine faule Ausrede
handelte, aber auch das wäre möglich,
daß in jener Meinung noch ein Stück
Tradition aus alter Zeit fortgelebt hätte,
ivo man, ohne sich dessen recht b.eivnßt zu
werden, einfach so kalkulircn mochte: Die
Kreuzwege und Labyrinthe ersetzen einen
Gang nach Jerusalem, die Loretokapellen
einen Gang nach Lorcto, sieben Altäre in
einer Kirche (Augsburg) eineil Gang in die
Hanptkircheu Noms und die Calvarienberge
bezw. Oelberge einen Gang in die Kirche.

Groß ist die Zahl der Oelberge, welche
die Liebe zum leidenden Erlöser gebaut
hat; daneben sind aber auch noch andere
zu nennen, deren Erbauung in einem ge-
wissen Sinne in Aufruhr und Sünde
wurzelt. Infolge der Bundschuh-Ver-
schwörung 1502—1504 und des Baueru-
aufruhrs von 1525 soll nämlich manchen
hiebei betheiligten Gemeinden die Errich-
tung von Oelbergen oder Kreuzwegstatio-
nen als eine Art Strafe oder öffentliche
Buße zur Pflicht gemacht worden sein.
Solche Sühneölberge kennen wir aller-
dings nicht, wollen aber gleichwohl die
ausgesprochene Bermuthnng durchaus
glaubwürdig finden. Kam cs früher nach
Ausweis der alten Dokumente öfters vor,
daß solche, welche sich eine Nebertretung
oder ein Vergehen oder Verbrechen zu
Schulden kommen ließen, ihren Frevel
mit einem Wachsopfer oder mit Stiftung
eines einigen Lichtes oder einer Pfründe
büßen mußten (Reutl. Geschichtsblätter
Nr. 1 Jahrg. 1902), so mochte man
wohl auch die in die Empörung besonders
verwickelten Gemeinden dadurch strafen,
daß man sie zwang, zur Sühne für ihre
Greuel mit dem Bau eines Oelbergs eine
religiöse Stiftung zu machen und damit
vielleicht noch ein Monument zu errichten,
welches geeignet war, an Blutvergießen
und Todesuoth in eindringlicher Weise zu
erinnern.

Erivähnenswerth ist noch, daß in jenem

an kirchlichen Bauten so überaus reichen
Zeitalter unmittelbar vor der Reformation
Geistliche und Laien sich an Oelbergs-
stistungen betheiligten, und daß an die-
selben oft noch besondere Bestimmungen
geknüpft wurden. So wurde z. B. be-
stimmt, daß der Seelsorger neben dem
Oelberge die Leidensgeschichte verlesen
solle. In diesem Sinne ist die Inschrift
an dem im Jahre 1477 erstellten Oel-
berg zu Oberöwisheim in Baden zu deuten:
,,Pie evangelisator incita populum
orare pro fundatore darum figurarum.“
Daß auch in den späteren Jahrhun-
derten der Oelberg und die Oelbergs-
audncht eine außerordentliche Anziehungs-
kraft ausgeübt haben, kann leicht bewiesen
werden. Wir berufen uns diesfalls nur
ans die bildlich dramatische Darstellung
der Todesangst Christi mit der Pfingst-
predigt (Donnerstagspredigt, vgl. „Relig.
Bolksgebränche im Bisthnm Augsburg",
Katholik, Februarheft von 1902) sowie
auf die Thatsache, daß wir immer wieder
Stiftungen zur Förderung der Oelberg-
audacht begegnen. Nach der Oberamts-
beschreibung von Rottenburg stiftete z. B.
im Jahre 1658 Ferdinand von Hohen-
berg, Hauptmann der Herrschaft Hohen-
berg, hundert Gulden, damit alle Donner-
stag Abend mit der großen Glocke in der
' Pfarrkirche zu Ehingen und Nottenburg
; ein Zeichen zum Gedächtniß an die Augst
! Christi auf dem Oelberg gegeben werde.

! Eine weitere Stiftung haben nur dann
! verzeichnet gefunden unter anderem in
dem Buche: „Franconia sacra Kapitel
j Lengfurt". Tort wird S. 313 berichtet,
i daß im Jahre 1775 die Wittwe des
Joseph Horn von Carlstadt 500 Gulden
geschenkt habe zur Stiftung einer Todes-
angstandacht an allen Donnerstagen mit
! Aussetzung des Allerheiligsten u. s. w.

Wir kämen nun au die bildlichen Dar-
stellungen der Oelberge, müssen jedoch
unserer Besprechung erst einige Sätze
' vorausschicken über den Ort, wo die Oel-
berge angebracht waren. — Nach einer
; mystischen Auffassung gilt das Schiff oder
: Langhaus einer Kirche als Sinnbild des
Lebens im Glauben — vita in fide,
das Querschiff als das der mors justi
in' spe und der Chor als der resurrectio
in charitate.
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