Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

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jedenfalls nicht, da ihre Herstellung in
eine Periode fällt, wo die Mosaikmalerei
wenig künstlerische Bedeutung besaß und
ihre Anwendung auch verhältnißmäßig
selten war. — Aus dein 14. Jahrhundert
stammt das Mosaikbild am Dome zu
Marienwerder, das auf Goldgrund die
Marter des Evangelisten Johannes dar-
stellt. Ein eigenthümliches Kunstwerk be-
findet sich in der Nähe, in Marienbnrg.
Es ist dies die Kolossalstatue der Maria
mit dem Christuskinde in einer Nische der
Kirche des dortigen Hochschlosses. Ur-
sprünglich aus bemaltem Stuck wurde
dieselbe später, jedenfalls durch die Ver-
fertiger des Marienwerder Mosaikbildes,
mit Glasmosaik überzogen und gewährt
jetzt in ihrem schimmernden Mosaikgewand
einen farbenplächtigen, imposanten An-
blick.

In den Zeiten der Frührenaissance ver-
lor die Mosaikmalerei durch die FreSko-
und Tafelmalerei immer mehr an Boden.
Wo es auf monumentalen Schmuck durch
farbiges Glas ankam, wurde die Glas-
malerei, welche aus der Mosaikmalerei
hervorgegangcn war, angewandt, aber auch
diese verfiel dem Schicksal der Vergessen-
heit. Erst als die monumentale deutsche
Knust am Anfänge des 19. Jahrhunderts
wieder zu neuer Blüthe gelangte und das
Interesse für die großartigen monnmen-
talen Schöpfungen des Mittelalters ge-
weckt war, da hielten auch bald längst
vergessene Künste, wie die Glasmalerei,
wieder ihren Einzug. Lange dauerte es
aber noch, bis auch die Technik der Mosaik- i
Malerei in Deutschland gefunden war. Zwar
wurde schon iu den 70er Jahren und schon '
früher manche Mosaikmalerei in deutschen
Kirchen angewandt, wie z. B. die Aus-
schmückung der Aachener Domkuppel oder
die 6,40 Meter große Figur der Alaria
am Erfurter Dom, doch ivaren diese Ar-
beiten fast ausschließlich italienischer Her-
kunft. In Italien, der Heimat der
Mosaikmalerei, erstarkte zuerst ivieder ihre
Technik, besonders durch das Verdienst
Salviatis.

Erst als deutsche Techniker und De-
korationsmaler nach unermüdlicher Arbeit
und mancher Enttäuschung sich der Technik
bemächtigt hatten, erstand die deutsche
Mosaikinalerei, die ihre Thätigkeit nicht

nur ans die Reproduktion klassischer Werke
erstreckt, sondern auch unserin heutigen
modernen Empfinden Rechnung trägt.
Und daß die deutsche Mosaikmalerei sich
in wenige» Jahren zu hoher, künstlerischer
Bethätignng aufschwang, das bezeugen Die
in den verschiedensten Kirchen Deutsch-
lands angebrachten Mosaiken. In Berlin
sind z. B. die meisten der neueren Kirchen
mit größeren oder kleineren Mosaikmale-
reien ausgeschmückt, auch für den neuen
Dom sind Mosaikmalereien vorgesehen.
In Württemberg ist die Anwendung von
Mosaikmalereien in der Kirche noch zieni-
lich selten, da dieser neue Kirchenschmuck
in unfern Architektenkreisen noch ziemlich
unbekannt zu sein scheint. — Erwähnt
sei hier die vor einigen Jahren neu er-
baute katholische Kirche in Böblingen bei
Stuttgart, die ein einfaches, aber schönes
und wirkungsvolles Knppelmosaik besitzt.

Gegenüber der Freskomalerei hat die
Mosaikmalerei den Vortheil der besseren
Wetter- und Temperaturbeständigkeit.
Manche der herrlichen Mosaikmalereie» in
Italien sind über 1000 Jahre alt und
haben sich in ihren Farben prächtig er-
halten und im Gegensatz dazu die vielen,
theils unersetzlichen Fresken, die dem
Untergang nach nur wenige Jahrhundert
dauerndem Bestand entgegengehen! Was
die Mosaikmalerei besonders anszeichnet,
ist der eigenartige Glanz, der durch die
vielen kleinen und kleinsten Reflerlichter
der Glaspasten hervorgerufen wird, der
Reichthum und die Stärke und Leucht-
kraft der Farben, für die architektonische
Veriverthnng spricht vor allein ihre An-
passungsfähigkeit.

In der Herstellung des Mosaikbildes
ist gegenüber den früheren Jahrhunderten
ein bedeutender Unterschied eingetreten.
Während der Mosaikkünstler früher an
Ort und Stelle das Bild ausführte, in-
dem er die Glaspasten nach der Vorlage
direkt in den frischen Bewurf einfügte,
ist jetzt die Hauptarbeit in die Werkstatt
verlegt. Der Künstler trägt die GlaS-
pasten mit Hilfe voll Kleister anf die in
Originalgröße angefertigte Zeichnung, das
dadurch entstehende Bild ist ein Spiegel-
bild der Darstellung, ivelche das Mosaik
am Orte ihrer endgiltigen Verwendung
zeigen soll. Denn die dem Papier der
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