Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

Seite: 98
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oberen Füllung ein sehr feines Trauben-
ornament. In der um die Tiefe der
Leuchterbank znrücktretenden Predella flan-
kiren zwei Nischen den Tabernakel, durch
Stabwerk wiederum zweigetheilt. Sie ent-
halten die Reliefs der Hochzeit zu • Kanaa
und der Brodvermehruug in reicher Fas-
sung und Vergoldung.

Von der Predella strebt nun der eigent-
liche Kasten des Altars empor. Den Ueber-
gang und die Angliederung dieses ziemlich
seitwärts ausladenden Aufbaues und der
den eigentlichen Altarschrein flankirenden
Nischen vermittelt ein halber Dreipaß-
zwickel mit Endrosetten und ein aus diesem
rankenartig kühn hervorschießender ge-
bogener Stab, der die Blntterkonsole der
Seitennischen trägt.

Der Altarschrein hat in seiner Eiuthei-
lung Ähnlichkeit mit dem mustergültigen
in Blaubeuren, nur daß statt der dortigen
Mittelnische mit der Madonna hier der
Tabernakelthronns herrlich hervortritt und
doch wieder so harmonisch dem Ganzen
eingegliedert ist. Unter überaus zierlichen
Baldachinen stehen an den Pfeilern des
hohen Thrones zu unterst paarweis die
Heiligen Norbertus und Alphonsus, Do-
minikus und Bernardus, darüber einzeln
Juliana und Klara. Im Innern des
Thronus tragen zwei schwebende Engel
eine Krone über dem ausgesetzten Sakra-
ment. Die Hinterwand zeigt das beliebte
damaszenirte Teppichmuster. Deu oberen
Abschluß bildet wiederum ein originelles
Trauben- und Rebgcwinde, in dem die
Vögel desHimmels wohnen, und die Schluß-
fiale krönt ein anbetendes Engelssigürchen.
Im, wie die Predella, gegen den tllronus
zurücktretenden Altarschrein stehen in herr-
licher Originalfigur die vier Patrone der
Kirche: Martinus und Magnus, Ulrich
und Gallus mit ihren herkömmlichen Ab-
zeichen. Es sind prächtige und markige
Gestalten, fast überreich gefaßt, ganz in
der Art der Alten und doch neu gedacht
und modellirt von Hofbildhauer S ch ä d ler
in Sigmaringen, der in dem Figurenwerk
dieses Altars als Meister sich verewigt
hat. Ausgeführt wurden alle diese Sta-
tuen im Atelier von Theodor Schnell in
Ravensburg.

Zur Vermeidung eines allzu nüchternen
Seitenabschlnsses wegen des Fehlens der

Flügel sind dem Altarschrein zwei Nischen
angehängt, deren Linien aber wieder so
harmonisch zusammenlaufen mit dem
Schrei», daß sie als Anhängsel durchaus
nicht störend hervortreten, vielmehr als
notwendig erscheinen. In den zierlichen
Baldachinen stehen unten die größeren
Figuren der Heiligen Barbara und Katha-
rina, je über ihnen in kleineren Abschlnß-
baldachinen die heiligen Diakonen Ste-
phanus und Laurentius. Ueber den Fi-
gurennischen des Schreins und derFlanki-
rung durchschlingt und rankt sich ein
Blätter-, Reben- und Nosengewinde nur
die Wimbergformenlinien, das diese ganze
Parthie wie eine wunderliebliche Laube er-
scheinen läßt. Den obere» Abschluß des
Schreines bildet statt eines nüchternen und
starrenden Zinnen- oder Maßwerkkranzes
eine ebensolche Laubenkrönung, vor der
sich auf jeder Seite ein knieendes Engel-
paar mit dem päpstlichen und bischöflichen
Wappen präsentirt. Hinter der Krönung
steigen die auch sonst sich vorfindenden
drei Baldachine mü der Kreuzignngsgruppe
empor. Trotz allen Reichthums in den
Formen, vermeiden dieselben die gerade
an dieser Stelle sich findende, etwas wild
wuchernde, oft verknöcherte Art des spät-
gothischen Rankenmerks uub bilden durch
das ruhiger wirkende Maßwerk der Fül-
lungen einen soliden und doch duftigen
Abschluß.

Das ganze Altarwerk ist polychrom ge-
faßt mit überaus reicher Glanz- und
Blattvergoldung und dem hervortreteuden
festlichen Roth als markantester Farbe:
wiederum ganz im Sinne der Alten, bei
welchen die Bemalung der Altäre die
Regel, die Belassung in der Naturfarbe
des Holzes die Ausnahme war.

Wollen wir die Hauptvorzüge dieses
Altarbanes und seine Charactertstica zn-
sammeufassen, so können wir als solche
bezeichnen: I. das feine Ebenmaß zwischen
Figurenwerk und architektonischem Schmuck,

2. die in der Silhouett, wie in der scharfen
Einzelprofilirung hervortretende, wahrhaft
künstlerische Auffassung und Originalität,

3. die ebenfalls originale und der Natur
uachgebildete Darstellung des Pflanzen-
ornaments in einer Fülle und Abwechs-
lung, die bewunderungswürdig ist. Auch
seine Neider — und deren hat der Künstler
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