Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

Seite: 99
DOI Heft: 10.11588/diglit.15935.51
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15935.52
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15935.53
DOI Seite: 10.11588/diglit.15935#0111
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1902/0111
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
99

sicher — werden es ihm lassen müssen,
daß er mit diesem Werk weit voran-
geschritten ist und daß wohl eine solche
Ausführung ein Studium und ein Ein-
dringen in mittelalterliche und moderne
Kunstformen erfordert, das jahrelanges
Ringen und Betrachten voraussetzt. Wir
können aber zugleich versichern, daß dieses
Eindringen und Studiren nicht auf die
Gothik sich beschränkt, sondern daß ebenso
die romanische Kunst von ihren Anfängen
und Anklängen an die altchristliche und
klassische Kunst, wie die Renaissance mit
ihren Abarten, namentlich durch eine neiler-
liche Kunstreise des Meisters nach Italien
ihm vertraut geworden ist.

Beifügen wollen wir, daß das neue
Ehorgestühl*) — tit der Naturfarbe des
Eichenholzes, wie es hier angezeigt ist —
dieselben Formen und Ornamente auf-
weift, wie der Hochaltar, dieselben ele-
ganten Lösungen, dieselbe prächtige Profi-
lirung.

So besitzt nun die Stadtpfarrkirche in
Wangen ein Werk so eigenartig und doch
so passend für diesen glänzenden Rannt,
daß viele bewundernd davor stehen, viele
mit wahrer Erhebung und Erbauung es
betrachten werden. Die freundliche und
anmnthende Allgäustadt, die in ihrem In-
nern so manches reizende Architekturbild
darbietet, hat im Innern ihrer Stadtkirche
einen Schmuck, den zu beschauen eines
Besuches und einer Reise in den dunkelsten
Erdtheil werth wäre."

So steht denn die katholische Stadt-
pfarrkirche in Wangen in ihrer g e-
sam inten Ausstattung als ein Werk
schönster und eigentlich christlicher Kunst
vor unseren Augen, wirklich werth, selbst
von weiter Ferne besucht zu werden. Herr
Stadtpfarrer Schmid lind sein Kirchen-
stiftungsrath haben durch Berufung tüch-
tiger Künstler und durch Eingehen ans die
Vorschläge und Beratungen unseres Diö-
zesankunstvereitts ein Werk ermöglicht, das
nicht nur der opferivilligen Gemeinde zu
Nutz und Ehren, sondern auch der christ-
lichen Kunst selbst und ihrem Gedeihen
ein bleibendes Andenken sein wird.

') Bon dem wir in nächster Nummer eine
Abbildung bringen werden. Anmerkg. der Red.

Zur Entstehungsgeschichte der Gel-
berge und ihren bildlichen
Darstellungen.

Von Pfarrer Reiter-Vollmaringen.

(Schluß.)

Behält man das im Auge, so wird
es leicht verständlich, wie der Begriff
„Oelberg" (auch Calvarienberg) sich nach
und nach erweiterte, so daß Dr. Gerlach
in seinem illustrirten Wörterbuch der
mittelalterlichen Kirchenbaukunst sagen
kann: „Oelberg heißt ein Anbau mancher
Kirchen, welcher durch die darin ausge-
stellten Bildwerke an die Nacht von Geth-
semani erinnern soll. Christi Leiden,
Grablegung und Auferstehung finden sich
dort mitunter in Gruppen von lebens-
großen Steinbildern aufgestellt. Ihrer
Bestimmung nach kann man die Oelberge
zu den Stationen rechnen." Aehnlich
drückt sich Otte aus (Handln der kirchl.
Kunstarchäologie des deutschen M. A.
3. Aufl. S. 48): „Oelberge, d. h. Leiden
Christi (in Steinbildern) von Gethsemani
bis zur Kreuzigung, Grablegung und
Auferstehung — gewöhnlich in Nebenräumen
oder außerhalb der Kirchen (Domkreuz-
gang zu Speier, Sakristei des Domes
von Worms, Außenseite des Domes zu
Lauten)."

Nlur zu bem Bildwerk uud den Bei-
gaben auf den Darstellungen der Todes-
angst Christi!

Die ältesten Oelbergbilder zeigeil kn
Heiland entweder zur Erde niedergeworfen
oder tief zur Erde gebeugt, in der Hal-
tung inbrünstigen Gebets. Seine Stär-
kung von oben wird vielfach angedeutet
durch eine aus bem Himmel rageude
segnende Hand, an deren Stelle später
das Brustbild des himmlischen Vaters
tritt, ivie mir das auch an dem Bilde
der „Himmelsleiter" von Direktor Bennz
sehen, nur daß dort noch die Taube des
hl. Geistes wahrgenommen wird. Die
Stärkung durch den Engel wurde in der
frühesten Zeit so dargestellt, daß der
Himmelsbote bem Heiland die Hand
reicht, über ihm schwebend eine Spruch-
rolle trägt oder aus der Höhe seine Hände
gegen ihn ausstreckt. Die Ausleger der
hl. Schrift fragen, was denn das für ein
Engel gewesen sei, welcher den Herrn im
loading ...