Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

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Oelgarten gestärkt habe, und wollen bald
den Erzengel Gabriel, bald den Erzengel
Michael nennen. Die Tradition bezeich-
net Chamuel oder Chamael als den stär-
kenden Engel und sagt, dieser Chamuel
sei es auch gewesen, welcher ehedem mit
dem Patriarchen Jakob gerungen (»Ecce
vir luctabatur cum eo usque mane«
Gen. 32, 24), weshalb auch ans Oelberg-
bildern das Ringen Jakobs und des
Engels typisch zur Darstellung gebracht
wird („Himmelsleiter").

Vom 14. Jahrhundert an trifft man
bei Wiedergabe der Oelbergscene den
Kelch, über dessen Berechtigung und Be-
deutung wir keine weitere Betrachtung
anstellen wollen, dagegen glauben wir
hervorheben zu dürfen, das; derselbe früher
gerne auf dem Felsen, vor welchem
Ehristns betete, angebracht war. So finden
wir ihn beispielsweise ans dem alten
Wandgemälde der Gottesackerkapelle zu
Bieriugeu, OA. Horb, auf dem Altar-
bilde in Blaubeuren, bei den; Oelberg in
Großsüssen und neuerdings in den Rand-
verzieruugen der bei Max Hnttler in Augs-
burg erschienenen „Himmelsstraße". Auf
den Oelbergsdarstellungen aus der späteren
Zeit wird der Kelch meistens von; Engel
getragen, welcher ihn auf einigen Gemäl-
den dein Heiland wie zur Erfrischung und
Stärkung zum Trinken reicht, was als
fehlerhaft bezeichnet werden muß. Der
Kelch bedeutet ja nach den Worten des
Heilandes selbst sein Leiden, seine Passion,
wie das auch ausgedrückt wird, wenn der
Kelch von einem Dornenkranz umwunden
ist, oder wenn aus demselben Ruthe,
Geißeln, Nägel — oder überhaupt Leidens-
werkzeuge ragen. „Ein Schrotblatt in
Weigels Sammlung von ca. 1460 hat
das Eigenthümliche, daß ein Engel mit
ausgebrciteteu Flügeln einen Kelch hält,
aus welchem eine runde Hostie hervor-
ragt." Auch erinnern wir uns, einmal ein
Bild gesehen zu haben, ans welchen;
Christus selbst in der rechten Hand den
Kelch trägt, während er die Linke vor die
Brust hält. Statt des Kelches trägt der
Engel dann und wann ein Kreuz (Oel-
berg in Großsüssen, in vorreformatorischer
Zeit eine berühmte Wallfahrtsstätte).

Richten wir unseren Blick auf die
schlafenden Jünger, so haben wir zunächst

ein Bedauern auszusprechen darüber, daß
dieselben öfters so unbeholfen erscheinen.
Kein Wunder, wenn ans diese Weise der
Ausdruck „Oelgötzen" einen pessimistischen
Beigeschmack empfängt, welchen er an und
für sich nicht haben muß, da früher jedes
hölzerne oder steinerne Bild Götze hieß.
Reben diesen oft mißlungenen Gestalten
trifft man aber auch schön gruppirte und
trefflich charakterisirte Apostelfignren, welche
in die Nähe Christi passen, deren „Lider
Trauer beschwert und geschlossen hat".
— In ihren Händen halten die Jünger
bisweilen geöffnete Bücher, womit wohl
ein Hinweis auf ihre Briefe gegeben sein
soll. Ihr Haupt schmückt bald ein
Nimbusreif (Perugino, Detzel l S. 355),
bald ein Strahlennimbus (Holbein d. Ae.,
Donnneschingen), bald ein Scheibennimbus
(Giotti, Uffizien Florenz).

Bei Fiesole HS. Marco in Florenz)
sind noch die Namen der Apostel in den
Scheibennimbns eingeschrieben, was nach
Menzel nur bei heiligen Königen und
Kaisern vorkommt. Wenn die Apostel
keinen Nimbus tragen (Stertziug, „Archiv"
1809, Beilage zu Nr. 9), so ist das auf
eine mehr geschichtliche Auffassung des
denkwürdigen Vorgangs im Oelgarten
I zurückzuführen. Oder sollte hier die im
i 16. Jahrhundert besonders beliebte Auf-
I fassung zur Geltung kouunen, wornach die
Maler sich darauf verließen, daß die
Genialität, welche sie in die Köpfe, na-
mentlich in dieApostelköpfe, hineinlegten, den
Nimbus entbehrlich machen würde? —
Getadelt wird es, wenn die schlafenden
Apostel zur Hauptgruppe gemacht und zu
sehr in den Vordergrund gerückt werden.
Die Künstler haben sich zwar dieses Mit-
tels gerne bedient, um die Gestalt Jesu
mehr in die Ferne zu rücken und so der
Schwierigkeit der Darstellung derselben
entgehen gu können; selbst Fiesole hat
diese Erleichterung nicht verschmäht. Aber
es kann das nicht gebilligt werden, weil
dadurch die Hauptsache zur Nebensache
gemacht und das rechte Verhältnis ver-
kehrt wird. Bekannt ist, daß der Volks-
mund öfters in spöttischem Sinne von
den schlafenden Jüngern redet, wie denn
auch die Ueberlinger am Bodensee Oel-
berger genannt werden, weil sie am
30. Januar 1643 beim Ueberfall der Stadt
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