Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

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geschlafen haben gleich den Jüngern am
Oelberg.

Nach den drei ersten Evangelien waren
bei der Gefangennehmung Jesu keine
römischen Soldaten oder Landsknechte,
sondern eine Rotte dienstbarer Leute des
Hohenpriesters; nur Johannes 18, 3, 12
erwähnt Soldaten: deshalb werden die
Soldaten wohl gerne außerhalb des Gar-
tens gestellt, wählend die von allen
Evangelisten genannte Rotte in den Garten
eindringt. Die große Zahl der Häscher
ist eine Satyre auf die Juden, welche
auch in den altdeutschen Schauspielen vor-
kommt. Erscheinen die Männer im Oel-
garten im Gegensatz zu den edlen Ge-
stalten Christi und seiner Apostel als
elende, kranke und verkrüppelte Lente, so
soll auch damit das Judentum verspottet
und gesagt werden, daß dasselbe sich dieser
Kranken bediente, um den Arzt gefangen
zu nehmen, welcher sie allein heilen konnte.
Lei größeren Oelberganlagen gewahrt man
meistens etwas Trümmerhaftes, Störendes
und Zerstörtes: wir meinen da die
zerbrochenen, aus den Fugen gegangenen
Mauern, aus welchen Pflanzen mit
stechenden Blättern hervorwachsen, den aus
Brettern, Staketen u. dergl. zusammen-
gesetzten Zaun mit seinen Lücken und
durchbrochenen Pfählen, womit wohl der
Zerfall und die Verwerfung des jüdischen
Volkes angedentet sein soll. Der Garten
oder Weinberg des Herrn ist zum Klag-
lied geworden, es ist, als ob über ihm
geheimnißvolle Stimmen flüstern würden:
„Ich will ankünden, was ich meinem
Weinstock thun will. Wegnehmen will
ich seinen Zaun, daß er geplündert, niedcr-
reißen seine Mauer, daß er zertreten
wird. Und zur Wüste will ich ihn machen;
nicht wird man ihn beschneiden und be-
bauen. Disteln und Dornen werden auf-
schießen, und den Wolken will ich be-
fehlen, daß sie keinen Regen auf ihn
herabgießen." Js. 5, 5.

Hieher gehören auch noch andere charak-
teristische Beigaben. Im Buche der
Katharina Emmerich über das Leiden
Christi lefcu wir, daß der Herr am Oel-
berge allerlei Thiere, Schlangen n. dergl.
geschaut habe. In Wirklichkeit kann man
dieselben an manchen alten Oelbergen ab-
gebildet sehen, so auf einem in Holz ge-

schnitzten Oelberg des 16. Jahrhunderts
in der Lorenzkapelle zu Rottweil, welcher
früher in Markdorf gewesen sein soll.
Auf dem Offenburger Oelberg, 1523/4?,
welchen Andreas von Urach gemacht hat,
findet sich nur ein einziges Thier. Andere
Oelbergdarstellungen weisen sechs oder
zwölf oder noch mehr Thiere ans —
meistens Reptilien I. Was diese Thiere
auf dem Boden und an der Umzäunung
des Oelbergs zu bedeuten haben, läßt sich
leicht errathen. Die Schlange erinnert
zunächst an die Schlange im Paradiese.
Sodann mag sie wegen ihrer Giftzähne
die Verleumdung spmbolisiren. Ebenso
kann der Erdmolch, welcher als giftig
galt, auf Verlämndung Hinweisen. Die
Eidechse, öfters als Sinnbild des Lichtes
aufzufassen, wird bei den Oelbergen über-
haupt an dunkle Mächte erinnern sollen.
Vielleicht ist auch zu beachten, was in
einem alten Thierbuch über sie geschrieben
steht. Die Eidechse, wenn sie alt und
blind wird, strecke den Kopf aus der
Erde, bis die Soune sie bescheint, worauf
sie wieder sehend wird. Also soll der
Mensch, der die alte Sünde an sich hat,
sich zu Christo bekehren, welcher die rechte
Sonne ist. Die Schnecke (Oelberg in
Großsüsse») betrachten wir als Sinnbild
der Trägheit. Bezüglich der Kröte sei
darauf aufmerksam gemacht, daß die Kröte
besonders als ein Geldteufel gedacht wird,
wie sie denn auch in deutschen Volkssagen
häufig über unterirdischen Schätzen brütet.
Die Darstellung am Oelberg kann über-
dies im Hinblick darauf, daß die Kröte
in der Nacht zum Vorschein kommt, die
Gesinnung des Judas Jskariot bezeichnen,
welcher mit den Rathsdienern Nachts am
Oelberge erschien. Auf den Wandgemälden
in der Jakobskirche in Leutschau in Ungarn
ist der Geiz (Judas) auf einer Kröte
reitend dargestellt.

Im allgemeinen wird man sagen dürfen,
daß die nächtlichen Thiere am Oelberg
einen Hinweis auf Judas und seine Rotte
bedeuten, und daß der Eindruck für den
Beschauer des Oelbergs dann besonders
günstig ist, wenn Christus auf der Spitze
des Berges knieeud über alle Bosheit er-
haben erscheint und sie beherrscht.

') Illic reptilia, quorum non est numerus
Fs. 103. 25.
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