Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

Seite: 102
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An den Oelbergen Thiere nnd Thiere
auch bisiveilen an den Calvarienbergen
(Leonhardsgrnppe in Stuttgart). Die
Thiere sprechen also nicht bloß in der
Fabel, sondern auch an und in den ver-
schiedenen Kunstgebilden, zumal ans der
Vergangenheit. Und iit diese ihre Sprache
mischt sich in unserem Fall auch noch das,
was die Entstehungsgeschichte der Oelberge
und ihre bildlichen Darstellungen über-
haupt zu sagen wissen. Wird einmal
eine Geschichte des nach außen kontrolir-
baren Gebetes geschrieben, dann muß
jedenfalls auch beut Oelberg eilt Kapitel
gewidmet werden — im Interesse der
Religions- nnd Kulturgeschichte.

Literatur.

Grundriß der k i r ch l i ch e n K u n st a l t e r -
thümer in Deutschland von den An-
fängen bis zum 18. Jahrhundert. Von
Dt. Heinri ch Bergner, Pfarrer in
Pfarrkeßlar, S.-A. Mit 228 Abb., ineist
nach Federzeichnungen des Vers., im Text.
Göttingen, Vandeuhoek und Ruprecht 1900.
374 S. Preis 7 M., geschmackvoll in
Leinen gebd. 8 M.

Mit unliebsamer Verspätung bringen wir diesen
Grundriß zur Anzeige, der von einem protestan-
tischen Pfarrer stammt, aber verdient, auch in
unserem Archiv genannt und auch auf katholischer
Seite berücksichtigt und benützt zu werden. Man
kann ihn zunächst eine» handlichen, übersichtlich
geordnete» Auszug aus Ottes großer Kunst-
archäologie nennen, muß jedoch sofort anfügen,
daß er durchaus selbständiger Auffassungen, eigener
Stellungnahme zu den Grundfragen und er-
gänzender Zuthaten nicht ermangelt; zn letzteren
gehört vor allem die Einbeziehung der von Otte
nicht berücksichtigten Spätstile. Was man von
einem tüchtigen Grundriß verlangen kann, wird
hier geboten: präcise Fixirung der wesentlichen
Punkte, klare Aufzeigung der Entwicklungs-
momente, iveise Auswahl des Details, knappe,
konkrete Darstellung, eine Sprache, welche den
Anfänger instruirt und den Kenner nicht lang-
weilt, eine Accuratesse, welche eine Nachprüfung
des einzelnen erträgt, endlich eine glückliche und
sachgemäße Dispouirung und Anordnung des weit-
schichtigen Materials. Die Jllustrationsweise ist
auffallend: Der Verfasser hat die Mehrzahl der
Bilder selbst in Federzeichnung ausgeführt und
will dieselben nicht als Kunstwerke, sondern als
Unterrichtsmittel betrachtet wissen, welche das Cha-
rakteristische „grob und deutlich" wiedergeben; bei
weiteren Auflagen dürfte doch wohl manches
weniger Gute eliminirt und des Guten mehr
gethan werden; auffallend ist, daß aus der reichen
Kunstwelt der Monstranzen gerade das Monstrum
auf S. 274 der Ehre einer Abbildung theilhaftig
wurde.

Was das redliche Ringen nach Verständniß,
nach Eindringen in das Denken und Fühlen der
katholischen Vergangenheit, die Pietät gegen die
Vorzeit, den liebenden Sammeleifer anlangt, kann
man den Verfasser als einen Geisteserben deL
edlen Otte bezeichnen. So ist er auch in kon-
fessioneller Hinsicht ziemlich unbefangen; er ge-
steht die Superiorität der katholischen Kirche auf
diesem Boden unumwunden zu und vermag beit
Enthusiasmus über den Kirchenbau des Pro-
testantismus nicht zu theilen. Darum ist das Buch
auch für einen katholischen Leser wohl genießbar;
durch gelegentlich einfließende spöttische oder
thörichte Bemerkungen darf man sich den Genuß
nicht verderben lassen. So, ivenn S. 8 ganz
allgemein gesagt wird, die „reichen ttitb in ihren
Sünden reifen Klöster" hätten den ersten An-
sturin im Bauernkrieg auszuhalten gehabt; wenn
wir S. 17 lesen, beim Anwachsen „superstitiöser
Vorstellungen und priesterlicher Absonderung"
seien beim christlichen Gotteshaus aus dein Ge-
meinderauin eine besondere Cella, Altarhaus und
Priesterchor herausgewachsen; wenn S. 286 von
einer „pietätslosen" (!) Translation und Zerthei-
lung der Martyrerleiber" geredet wird; wenn
S. 7 gewitzelt wird: „am Ausgang des 15. Jahrh.
erschrack die Christenheit nicht wenig, daß die hl.
Anna, des Herrgotts Großmutter noch so wenig
geehrt war". Die Definition von Ciborium
S. 274 („eine Kassette, oder Schachtel, welche auf
einem Fuße steht und mit einem Deckel ver-
schlossen ist") reizt zum Lachen; die Versehlaterne
ieuchtet nicht nur bei Nacht (S. 284) dem Priester
voran; das Pluviale ward keineswegs vom
15. Jahrhundert an „zum Meß- und Prunkge-
wand der Bischöfe an Stelle der Casel" erhoben
S. 300 u. a. Derartiges gereicht dem Buche nicht
zur Zierde und sollte so rasch als möglich eliminirt
werden. Davon gereinigt wird es hüben und
drüben manchen Nutzen stiften können. l)r. K.

Kunstgewerbliche Stilproben. Ein
Leitfaden zur Untersuchung der Kunststile
für Schulen und zum Selbstunterricht.
Mit Erläuterungen vvn Prof. D r. K.
Berlin g. Auf Veranlassung des Kgl.
Sächsischen Ministeriums des Innern
herausgegeben von der Direktion der K.
Kunstgeiverbeschule gu Dresden. Zweite,
verbesserte und vermehrte Auflage. 4".
33 Seiten Text und 248 Abbildungen
auf 32 Tafeln. Verlag von Karl W. Hierse-
mann, Leipzig, 1902. Preis 2 M.

Als dem Referenten vorstehender Titel zu
Gesicht kam, freute er sich über das zweifellos
Zeitgemäße der Arbeit, die sich ausschließlich auf
das Kunstgewerbe beschränken ivill; als Gegen-
stück daztt, sagen wir besser : als nothwendige
Grundlage erschien im gleichen Verlag der Leit-
faden „A r ch i t e k t o u i s ch e S t i l p r o b e tt" v o n
Max Bischof (5 M.); beide gehören ja zn-
sammen: die konstruktive Anlage der Architektur
ist doch wohl, wenigstens im Abendland, die typen-
bildende, gewissermaßen tonangebende Führerin
für viele Erzeugnisse des Kunstgewerbes, wenn
es auch nicht angeht, die für mächtige Bauten
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