Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

Seite: 105
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ljeransgegeben und redigirt von Pfarrer Detzel in St. Lhristiiia-Ravensbiirg.

Verlag des Rottenbnrger Diözesan-Kiiiistvereins;
Kommifsionsverlaa der Konischen Buchhandlung (Friede. Üllbcr) ln Ravensburg.

Erscheint inonatlich einmal. Halbjährlich liir M. 2.— dnrch die würlte»,belgischen, M. 2.02
^ durch die bayerischen und die Reichspostanstalten, Kronen 2.54 in Oesterreich, Frcs. 3.40 in

:|p)V TQ der Schwei; zu beziehen. Bestellungen werden auch angenommen von allen Buchhandlungen I()0^

ff*)-*-*’'4 x^4 sowie gegen Einsendung des Betrags direkt von der Dornscheu Verlagsbuchhandlung in S *

Ravensburg (Württemberg) zum Preise von M. 2.05 halbjährlich.

Die christliche Kunst auf den Kus-
stellungen im Glaspalast und dem
königlichen Ausstellnngsgebäude zu
München.

Voll vr. I. Rohr, Stadtpfarrcr i» Geislingen.

„Unter den Künstlern ist eine Beive-
gnng entstanden, die darauf hinausläuft,
die Knnstkritik abzuschaffen", so schreibt E. 9t.
Pascent im Augustheft vou Bruckmanns
Zeitschrift „Die Kunst" und theilt den von
Künstlern gemachten Vorschlag mit: Jeder
Künstler schreibt zu seinen Bildern eine
Selbstanzeige, in der er sich darüber äußert,
was er gewallt und gemeint; diese An-
zeigen werden in einem Katalog gesammelt.
Wird derselbe dann auch etwas nmfang-
reich (mau denke an Ausstellungen mit
2755 Nummern, wie die heurige im
Glaspalast), so ist man doch der Mühe
überhoben, erst die Tagespresse um ihre
Meinung über ein Kunstwerk fragen oder
sich über dessen Tendenz in Gedanken
wälzen zu müssen; man hat ferner die
Beruhigung, daß in jedem dieser zwei-
tausend und mehr Werke ein Stück red-
licher und tüchtiger Arbeit steckt, und man
geht schließlich mit dein tröstlichen Be-
wußtseiu von dannen 1. daß man ein
an Objektivität bisher unerreichtes Urtheil
schwarz auf weiß in der Tasche trägt,
und 2. daß es Um die Kunst in unseren
Tagen geradezu glänzend bestellt ist, ja,
daß die Dürer und die Nembrnndt und
andere alte Herren, dürften sie eine solche
Ausstellung besichtigen, bescheiden das
Barett oder den Hut abnehmen und sich
freuen würden, wenigstens zu den Ahnen
einer so großen Sippe zu zählen. Schade,

daß die Sache auch ihre Schattenseiten
hat. lieber wen sollen denn die armen
Künstler noch schimpfen, wenn die Grün-
schnäbel von Kunstschreibern nicht mehr
den Stoff dazu liefern? Man kann doch
nicht von ihnen verlangen, daß sie sich
mit dem Streit im eigenen Hanse be-
gnügen. Und was soll dann der Kunst-
freund thnn, und wohin soll er halten,
wenn eine Kunstschule der andern jegliche
Berechtigung abspricht, oder wenn die
Berliner vom Niedergang der Münchener
Kunst wie von einer vollendeten Thatsache
reden, oder wenn eine Arbeit, welcher die
Selbstanzeige im Zukunftskatalog alle mög-
lichen Vorzüge nachzurühmen weiß, von
andern Künstlern als Schund oder Ver-
rücktheit deklarirt wird? Und ivcnn vom
Künstler selbst das unbefangenste nnb zu-
treffendste Urtheil über sein Werk zu ge-
wärtigen ist, warum hat es bei so manchem
Stern erster Größe so lange gebraucht,
bis man in der Künstlerwelt selbst ihn
wahrnahm? Und — last not least —
wenn der Besucher der Ausstellung sich
kein Urtheil bilden darf über das, was
er sieht, warum läßt man dann in den
Katalogen für den Glaspalast und das
.Kunstausstellungsgebäude je vier Seiten
frei zu „Notizen", und warum bekommt
man mit dem Sezessionskatalog an ele-
gantem Bande ein zierliches Bleistift?
Doch wohl dazu, um sich Bemerkungen zu
machen.

So treten wir denn auch Heuer wieder
den Gang in die Sophienftraße und zum
Königsplatz an und beobachten, was die
Kunst seit Jahresfrist geschaffen. Unsere
Landsleute werden sich besonders ange-
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