Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

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tessi („traurige Stunde" Nr. 856) nach
der technischen wie nach der psychologischen
Seite in ergreifender Weise wiedergegeben.
A. Rieger's „Mönche" (Nr. 1072) wie
A. Tomassi's „betender Mönch" (Nr. 1325)
und A. Wirth's „am Studirtisch" (Nr.
1430) sind würdige Darstellungen. Karl
Kronberger's „Hochwürden" (Nr. 686)
und „iin Dienste der Humanität" (Nr. 687
— betende Nonne —) sprechen an durch
die Feinheit der Ausführung. A. Egger-
Lienz hat in Nr. 248 und 249 („Herbst-
sonne" und „im Klostergarten") wieder-
mal das Spiel der durch Laubwerk dringen-
den Sonnenstrahlen behandelt, ohne dem
viel variirteu Thema eine neue Seite
abzugewinnen oder ihm in dem Umfang
gerecht zu werden, wie andere vor ihm.
Höher steht A. Hutschenreuther's „im
Klosterhof" (Nr. 570).

Und nun zu den Bildern positiv christ-
lichen Inhalts, oder besser gu denen
mit einem Gegenstand aus der Bibel oder
Legende, denn christlich kann man nicht
gerade alle nennen.

In der Homiletik und in der Aufsatz-
lehre pflegt man den Nath zu geben, man
solle nicht mit Adanr und Eva anfangen.
Bei einem Kunstbericht ist ein Abgehen
von dieser Regel nicht nur erlaubt, son-
dern oft geradezu geboten, denn hat man
einmal Adam und Eva, dann allenfalls
noch den verlorenen Sohn, die keusche
Susanna und die Büßerin Magdalena
betrachtet oder besprochen, so hat man in
den meisten Fällen das Schlimmste hinter
lief). Eine Magdalena findet sich nun
dieses Jahr glücklicherweise nicht. Eine
Susanna fürchteten wir schon entdeckt zu
haben, als uns der Katalog zu unserer
Freude belehrte, es seien bloß „lüsterne
Faune" (A. Achtenhagen Nr. 4). Ob
vor Jahren die Nomenklatur nicht anders
gelautet hätte? Dagegen begegnet uns
die Stammmutter des Menschengeschlechts
drei Mal, bald mit, bald ohne Stamm-
vater. Die Künstler scheinen dies Thema
deshalb zu begünstigen, iveil es ihnen Ge-
legenheit gibt, das Nackte unverhüllt und
den Schmerz, eventuell auch das Begehren
in ihrer ganzen Allgewalt darzustellen, und
wer sich damit allein zufrieden geben kann,
der mag Nr. 51 von W. v. Beckerath,
Nr. 1073a von Paul Rieth, Nr. 1070

von C. Ritter mit Wohlgefallen betrachten.
Insbesondere ist Nieth's Bild von kompe-
tenter Seite aus sehr beifällig besprochen
worden — aber bezeichnenderweise als
„große, breit und sicher gemalte Akt-
figuren" (G. Habich im laufenden Jahr-
gang von „Die Kunst" S. 518). Uns
will bedünken, als ob damit das Thema
doch noch nicht völlig erschöpft sei. Und
dann will es uns doch auch nicht genügen,
wenn man von Eva nur die Rückseite
sieht wie bei Ritter, oder den zur Erde
gebeugten Körper und vom Haupt nur
einen tüchtigen Büschel aufgelöster röth-
licher Haare wie bei Rieth. Im Antlitz
prägt sich doch vor allem der Schmerz
aus und es wäre für einen Künstler ge-
wiß eine lohnende Aufgabe, das Weh
über das größte Unglück der Weltgeschichte
in einein edlen Antlitz zur Darstellung zu
bringen. Wenn im Stammland des Em-
menthaler Käses ein biederer Schweizer
seinem Aerger über ein Plakat (Dame mit
wallendem, die Füße bedeckendem Kleid)
in den Versen Ausdruck verlieh:

„Ach Orell, lieber Orell mein,

Laß doch einmal das Malen sein;
Denn du malst Damen ohne Füßli
Bloß mit Händli,.

Und das ist schändli" —
was soll man dann sagen, wenn man
Figuren ohne Angesicht zu sehen bekommt!
Ein boshafter Kritiker hat einmal von
den modernen Künstlern behauptet, sie
malen, bei Bäumen mit Vorliebe den
Stamm ohne die Krone, weil die Dar-
stellung des Blätterwerks über ihre Kräfte
hinausgehe. Nun zeigt die ganze Art
Nieth's, daß es nicht am Können fehlt;
warum aber dann dem Schaffen unnöthige
Grenzen setzen? Nach dieser Seite ist
wenigstens etwas besser C. G. Barth's
Pönitentia (knieende) und E. Kiemlens
Reue (sitzende Mädchcnfigur). Auch H.
Schwegerle's „verlorner Sohn" weiß un-
verhüllten Angesichts seine Rene zum Aus-
druck zu bringen (Nr. 2229), während
D. Stooker's Kain wieder auf bem Ange-
sicht liegt (Nr. 2237); doch ist diese Stel-
lung durch die Angst vor Verfolgung eher
motioirt, als bei Eva.

(Schluß folgt.)
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