Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

Seite: 110
DOI Heft: 10.11588/diglit.15935.57
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15935.61
DOI Seite: 10.11588/diglit.15935#0123
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1902/0123
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
110

nach außen und einer Treppenflucht zum Innern
der Kirche, vor dem südlichen Portale (1878 oder
1879) abgebrochen. Dieselbe enthielt etwa zwölf
Gräber, 3—4 Reihen in der Vorderseite über-
einander. Auf einem Brett auf Walzen war der
Leichnam ohne Sarg in die Wand eingeschoben
und vermauert. Als beim Oeffnen der Verschluß-
(Plntten)Steine die Luft eindrang, verfielen die
wohlerhaltenen Leichname gänzlich zu Staub,
auch Kleider und Bücher; erhalten blieben nur
die Sterbekreuze und Stäbe von einigen. Diese
irdischen Ueberreste wurden in der Kirche im
Chore in einem Sarge unter Einsegnung von
Pfarrer Schwarz versenkt. Eine Grabinschrift
auf ovalem Bleitäfelchen von einem Grab aus
der allerersten Zeit des Kapuzinerklosters ist er-
halten und lautet: „F. Januarius Straubinganus
Capucinus Sacerdos 1685."

Die letzten Neste von den Kapuzinern außer
dem Klosterbau bilden zwei Tafeln in der
Kirche, je eine in jedem Querschiff, mit schön ge-
malten Porträten von je acht Kapuzinern, Pro-
vinzialen und Generalen des Ordens, mit der
Angabe ihres Lebensganges, ihrer Würde und ihrer
zum Theil auf Ketzerbekehrung im großen Stil
gerichteten Thätigkeit (Z. W. F. 1892.) und die
große schöne Monstranz in der Stiftskirche ;u
Komburg, welche nach dent Chronogramm 1474
(Joh. Georg Weißlinger von Gschlachten-
bretzingen (noch Hausname daselbst) um 400 fl.
den Kapuzinern in Klein-Komburg gestiftet und
welche bei der Aufhebung des Konventes die
Erben des Stifters zurückverlangt hatten. Diese
silberne Monstranz trägt am äußersten Rand des
Fußes nach innen folgende Inschrift: „die esse
feCIt A. Y. P. EngeLbertVs, — p. t. G. Largo
eX Dono 1. G. WelssLlnger." Nach dom Zeichen
des Goldschmieds stammt sie aus Augsburg imb
ist hergestellt von Georg Ignaz Baur von
Augsburg, der auch 1707 den silbernen Altnr-
aufsatz für die Stiftskirche lieferte. Der Gräb-
st c i n des Stifters der Monstranz befand sich im
Chor der Pfarrkirche in Steinbach auf dem Boden
(über dein Grab ?) und wurde bei der Neubelegung
des Bodens im Chor (1893) an die Umfassungs-
mauer zwischen Kirche und Pfarrhaus angebracht.
Derselbe hat folgende Inschrift: „Hier ruht . .
ehrsame Johan Georg Weißlinger, Com .. Schult-
heiß in Pressingen, gcbohr. 5te» Apri 1707.
gestorb. 23. Der. 1783. Snne^Seele ruhe in
Frieden." Zwischen den zwei letzten Worten ist
ein Todtenschüdel in beit Stein eingehauen.

Beim Verkauf an den Staat wurde von der
Verkäuferin das dingliche Benützungsrccht
der Kirche 8. Egidii der katholischen Gemeinde
in Steinbach urkundlich gewahrt und vom Staat
anerkannt, wie auch der Staat die Pflicht auf sich
nahm, die Kirche zu unterhalten.

11. Beschreibung a) der Kirche.

Tie romanische Kirche, dem hl. Aegidius 1108
geweiht, ist eine mittelgroße, flachgedeckte, drei-
schisfige Säulcnbasilika mit einem einschiffigen
Querschiff und innen halbrunden, nach außen ge-
raden Chornbschluß. „Ehemals erhob sich ein
achtseitiger Thurm mit Steinhelm über der Vie-
rung, der aber 1528 zertrümmert wurde", heißt

es in den Schriften des württembergischen Alter-
thumsvereins 1809 II. Bd. S. 30 f. Doch ist
nach dom Bauvertrag von 1711 der Thurm an
der Kirche gestanden. Die Kirche wird von Otto
(„Romanischer Baustil" S. 429) im Antheit der
Diözese Würzburg als das älteste Denkmal dieser
Periode bezeichnet; sie ist ein Beispiel vom streng
romanischem Stil, „ein Denkmal, nur die Grund-
linien dieserBauweise zeigend und dabei mit durchaus
gesetzmäßigem, man möchte sagen, mit antik ruhigem
und klarem Bewußtsein durchgeführt. Wieder ein
Beweis von der hohen Ausbildung, welche die
Baukunst im 11. Jahrhundert in Deutschland er-
reicht hatte". (8. IV. A. ib.)

Die Kirche hat eine Länge von 120 Fuß, eine
Breite von 04 Fuß, 3>/s Quadrat ä 19 Fuß im
Langschiff, je 7 Quadrate in den Nebenschiffen
von halber Breite — 90s Fuß. Der Chor bildet
ein Quadrat, die Apside ’/a Quadrat, während
das Querschiff aus 3 Quadraten besteht.

Sämmtliche Schiffe haben flache Holzdecken,
während der Chor ein Tonnengewölbe aufweist
mit halbrunder Apside; da aber der Chor nach
außen rechteckig abschließt, so ist die Form des
lateinischen Kreuzes strenge gewahrt. Fünf unge-
gliederte halbrunde Arkadenbögen tragen die Wand
des Mitelschiffes auf drei schön verjüngten Süulen-
paaren, während an der Vierung massige Pfeiler
stehen. Die Säulen ruhen auf attischer Basis
(ohne Stäbchen zwischen den Gliedern), woran
Kehle und unterer Pfühl steil und mächtig ge-
halten ist, wodurch eben die Frühzeit des roma-
nischen Stils bekundet wird. Die Basis ist ohne
Cckblattvcrzicrung und hat eine runde Plinthe
(Fußplatte). Die starken Schäfte der Säulen
sind jo aus einem Stein gehauen und tragen ein-
fache Würfelkapitäle. An den Pfeilern der Vie-
rung ist als Kämpfer die geschrägte Deckplatte der
Kapitale. Am Anfang der Apsis im Chor sind
zwei schlanke Wandsäulchen.

Im Aeußern ist der Bau sehr einfach, ohne
jegliches rein dekorative Element; mir schlichte
Rundbogenfriese mit zugespitzten Konsölchcn und
Halbsäulen gliedern die Mauern zwischen den ein-
fachen kleinen Fenstern, die glatt eingeschrägt
sind (fünf im Mittelschiff, vier in den Seiten-
schiffen, je eines auf den drei Seiten der Qucr-
schiffe, zwei an den Seiten des Chores und eines
in der bis zur Chorhöhe reichenden Apsis).

Die Würfelkapitäle der Halbsäulen reichen
in die Schräge des Gesimses hinein, wie auch
die attische Basis in den Sockel. Die Ausla-
dungen des Querschiffes hatten ehemals zwei
Apsiden. Das Portal nach Süden hat eine
Umrahmung von drei Wülsten. Die Westfassade
ist besonders fein und zart gegliedert, hat eine
klare Scheidung und Betonung von Haupt- und
Nebenschiffen, Unter- und Oberbau und Giebel.
Am ganzen Bau ist kein Ornament, keine Fratze;
auf den vier Giebeln der Kirche fehlen die Stein-
kreuze, die auf Kugeln ruhten. Der ganze Bau
zeigt nach Keppler („Württembergische Altertümer")
die Einflüsse der Hirsauer Bauregel und Bau-
schule unverkennbar (wie auch die Kirche in Al-
pirsbach mit ihren 3'/a Quadraten im Langschiff).
Der Bau wirkt durch seine Steinfarbe, Wohlver-
theilung seiner Massen, durch die edle Anlage
loading ...