Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

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und den Einklang aller Verhältnisse mächtig auf
den Beschauer.

b) Wandgemälde.

Die Kirche war 1717 weiß getüncht worden. !
Bei der Nestauration wurden Versuche nach
Fresken angestellt und 1877 im November solche
im Chor entdeckt (während die Schisse unbemalt
waren): eine Fülle von heiligen Gestalten, Heilige
in etwas mehr als Lebensgröße, in freier edler
Bewegung, ungeziert, feierlich in den Gewan-
dungen, weich und voll in der Körperbildung,
einfach und großartig in der ganzen Anordnung,
voll Erhabenheit, Majestät und Würde. Sie
stimmen trefflich zu den klaren Bauformen der
Kirche. Diese Gestalten, die dem kalten Leichen-
tuch der weißen Tünche entstiegen sind, tragen
weder byzantinisches Gepräge, noch zeigen sie I
gothischcn Stil, cs durchweht sie ein antiker Hauch.
(„Württ. Vierteljahrshefte" 1878. S. 95 f.)

Alter derselben: Diese farbenreichen Fresken
an den Chorwänden und de>n Tonnengewölbe
reihen sich der Zeit nach an denen der Georgs- |
kirche auf der Reichenau und denen von Burg- j
seiden und galten vor Auffindung der letzter»
als die ältesten unseres Landes. Sie stammen
nemlich wahrscheinlich aus der Zeit des dritten ,
Abtes H artwig in Komburg, 1108—38 ur-
kundlich nachweisbar Ich wahrscheinlich 1141), des
Stifters des Kronleuchters und Antependiums in
der Stiftskirche, des Bestellers eines ähnlichen
Antependiums in eben diese Aegidienkirche, das
leider verloren gieng, und der höchst wahrschein-
lich auch die Münsterkirche in Komburg mit Ge-
mälden schmückte (vier Balken mit romanischen
Ornamenten in der Schenkenkapelle). In: „Archiv
für christliche Kunst" 1885, S. 37—40 sind diese
Gemälde nach Photographien von Sinner be-
schrieben. Betrachten wir noch die Concha näher,
theils um die reiche Farbenpracht zn zeigen, theils
um eine andere Vermuthung auszusprecheu. lieber
dem neugemalten Vorhang in gelber Farbe zieht
sich ein bläulicher Ma eanderfries hin mit
drei anbetenden Engeln in priesterlicher Kleidung
und vier wachehalteuden in Kriegsrüstung, je in
Brustbildern. Von diesen Engeln ist nur der
mittlere in der Mitte im Quadrat des Mäanders
gemalt, die andern sind in ihrem Quadrat nach
der Seite gerückt, und zwar jo mehr, je weiter
sie von der Mitte der Apsis entfernt sind, um
so die Rundung derselbe!, in den Bildern zum
Ausdruck zu bringen, lieber diesem Friese steht
ein Bilderstreifen auf blaugrünem Grunde mit
sechs Figuren. Davon ist erkennbar Papst
® "gor der Große mit Taube mit Nimbus in
rother Casula, gelbrother Dalmatik, mit Pallium
Jii'b Mitra, welche höher ist als die Jnfule
der Bischöfe zn seinen Seiten, nemlich rechts von
")>u: der hl. Augustinus (? hält die Hände
l1" uni ein Herz in denselben zu tragen) in vio-
letter Casula und grüner Dalmatik, und links
von ihm; ein Bischof mit Buch in grüner Casula
und rother Dalmatik. Diese drei Gestalten sind
wohl drei lateinische Kirchenväter und sind auf
der Evangelienseite gemalt. Auf der Epistelseite
sthen wir drei Bischöfe, je mit einem Buch in
den Händen, und mit Pallien, aber ohne Mitren:
u> violetter Casula und grüner Dalmatik und

Buch mit gelbem Einband in der Mitte der
Concha, dann in grüner Casel und gelb-röthlicher
Dalmatik und Buch mit rother Decke, endlich in
rothem Meßgewand und grüner Dalmatik und
gelbem Buch. Es sind dies wohl drei griechische
Kirchenväter. Wo aber ist je der vierte ange-
bracht, da der Raum für eine vierte Figur nicht
reichte? Wir meinen, daß derselbe je eine Reihe
höher gemalt worden sei; nemlich über den latei-
nischen Kirchenvätern ist noch ein Bischof ohne
Mitra und Pallium mit Buch in rother Casula
und violetter Dalmatik und ihn, entsprechend über
den morgenländischen Kirchenvätern ein anderer
Bischof mit violetter Casel und rother Dalmatik
und mit Pallium, aber ohne Mitra. Dieselben
bilden die äußersten Figuren der obersten Dar-
stellung und finden nicht leicht eine andere Er-
klärung.

Die Mitte der Concha und dieses obersten
Bildes zeigt Christus in der regenbogenfarbigen
Mnndorla, die Rechte zum Segen cmporhaltend,
in der Linken ein Spruchband tragend. Auf
beiden Seiten von ihm sind die Evangelistensym-
bolc oben und unten an der Mandorla, dann
kommt je ein Heiliger und endlich der vermuthete
vierte Kirchenvater. Links von Christus sehen
wir einen Priester mit gelber Casula, weißer
Stola und gräulicher' Albe, vielleicht Bene-
tz i kt us, dessen geistige Töchter das Kloster be-
wohnten, oder St. Leonhard, auch Lienhart
geschrieben, der als zweiter Patron der Kirche,
allerdings erst später, genannt wird. Die Gestalt
rechts vom Heiland hat ein grünes Obcrgeivand,
ein braunes Untergewand, bloße Füße; es ist der
hl. Aegidius, welcher mit seinem Mitpatron
oder dem Ordensstifter den Ehrenplatz zur Seite
des Herrn einnimmt trotz seiner ärmlichen Klei-
dung und bloßen Füßen. Diese Gestalten schauen
aus blauem Grunde auf den Beschauer her-
nieder.

Dazu kommen einzelne Prophetengc-
st a l t e n (und Reste solcher) zwischen den Fenstern
des Chors, die schönen Figuren der Apostel
darüber am Tonnengewölbe zu beiden Seiten
und in der Mitte desselben Christus als Kelter-
treter, am Kreuze, der Auferstandene, die Aufer-
stehung der Menschen (c>. „Archiv für christliche
Kunst"). Alles in prächtiger Farbenharmonie,
so erhalten, wie es dem Grab der Tünche entstieg.

Literatur.

Glassen, F. M. Anleitung zur An-
fertigung kirchlicher Handarbeiten.
Mit 84 Textillustrationen. Donauwörth,
Ludwig Auer, 1903. kl. Fol. 72 S. gcb.
M. 4.

Es ist immer ein mißlich Ding, wenn ein Mann,
dem Uebergriffe jeglicher Art zuwider sind, sich der
Besprechung einer ausschließlich auf dem weiblichen
Gebiet liegenden Frauenarbeit unterziehen soll:
man ließe da am besten die nicht so wortkargen
und wortstrengen'Frauen sich aussprechen; fordert
man es doch von ihm, so muß man männlicher
Art zu denken und zu reden Raum geben. Vor-
liegende Schrift kann's übrigens wohl ertragen.
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