Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

Seite: 116
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auch mit. zweifelhaftem Rechte, rühmt:
neues Leben.

(Ein metallurgisches Frachtstück.

(Ägl. die Kmistbeilnge zu dieser Nummer.)

Die Besucher der Stuttgarter General-
versammlung der Deutschen Gesellschaft
für christliche Kunst und des Notten-
burger Diözesaukuustvereius vom vergange-
nen Sommer erinnern sich noch zweifellos
daran, wie auf der Gallerie der König-
Karls-Halle ivl Landesgewerbemuseum,
vor dem Eingang zum Versammlungs-
saale eine Monstranz ausgestellt stand,
welche das besondere Interesse der Künstler
wie der Laien erregte und eingehende Be-
sichtigung fand. Dieses Werk, infolge
engerer Konkurrenz in dem Atelier des
Meisters Hugger zu Rottweil angefer-
tigt, ist Eigenthum der St. Nikolauskirche
zu Stuttgart. Es ist eine Stiftung aus
edler Hand, und eS mag dabei bemerkt
werden, daß bezüglich des Kostenpunktes
wie bezüglich der Zeit für Fertigstellung
des Werkes dem Meister verhciltnißmäßig
welle Grenzen gesteckt waren: das beste
Zeichen deS richtigen künstlerischen Ver-
ständnisses für solch' eine Arbeit. Am
8. September d. I. wurde die neue Mon-
stranz ihrer hl. Bestimmung übergeben
anläßlich der „Ewigen Anbetung" — ge-
wiß die würdigste Einführung in den
Dienst des Heiligthums — zur großen
Freude der Gemeinde. Wirkte sie schon
von ferne auf dem dnnkelrothen Hinter-
grund des Tabernakels prachtvoll, so ent-
zückte sie wahrhaft jeden Beschauer bei
der näheren Besichtigung; und nicht bloß
die Laienschaft der gesammten Gemeinde,
sondern auch die kunst- und sachverstän-
digen Beurtheiler sind der Ueberzengnng,
daß die bescheidene St. Nikolauskirche in
Stuttgart in dieser Monstranz ein Werk
von hohem und bleibendem künstlerischem
Werthe besitzt. Und noch mehr: mau
kann mit gutem Gewissen behaupten, daß
sie zum Allerschönsten und Besten gehört,
was in den letzten 100 Jahren in un-
serer Diözese in dieser Branche an Ori-
giualarbeiten angefertigt worden ist. Dies
ist auch der Grund, warum die nach-
stehende Besprechung des Kunstwerkes für
das „Archiv" geschrieben wurde. Es

handelt sich hier gewiß nicht etwa bloß
um eine Ehrung des bescheidenen Meisters,
der dies Werk mit unsäglicher Hingabe
ausgearbeitet hat, sondern vielmehr und
vor allem um die Sache der kirchlichen
Kunst selber auf dem Gebiete der Metall-
arbeiten, und damit um eine Sache, die
in ganz besonderem Maße der ernsten
Beachtung, der Anregung und Förderung
zum Besseren und Vollkommeneren bedarf.
Die näheren Beweise für letzteren Satz
können und sollen bei anderer Gelegenheit
vorgebracht werden. Hier handelt es sich
um den Nachweis dafür, daß die neue
Monstranz von St. Nikolaus in Stutt-
gart wegen ihrer originalen Zeichnung
und Erscheinung wie wegen ihrer streng
künstlerischen Ausführung ein hervorragen-
des Werk und hocherfreuliches Zeugnis;
für die Entwicklung der kirchlichen Me-
tallurgie in der Diözese Nottenbnrg ist.

Beginnen wir mit der Komposition
der Monstranz, so ist sofort zu sagen,
daß etwas Neues darin gegeben ist, aber
etwas, was eigentlich so einfach und
nächstliegend war, daß man sich förmlich
wundert, warum man nicht längst auf die
gleiche Idee gekommen ist. Bei einer
Monstranz, welche dazu bestimmt ist, das
heiligste Sakrament des Leibes unseres
Herrn nicht bloß in sich aufzunehmen,
sondern es so zu bergen, daß es dem
Volke gezeigt und vom Volke leicht ge-
sehen wird — daher eben der Namen
„Monstranz" —, kommt es doch vor allem
darauf an, daß das Allerheiligste wirklich
und thatsächlich den Haupt- und Mittel-
punkt der „Monstranz" bildet, so zwar,
daß alles, was an und in derselben ist,
moralisch und künstlerisch auf diesen heilig-
sten Kernpunkt hinführt und hinweist.

Das kann auf verschiedene Weise er-
reicht werden. Die alten gothischen Mon-
stranzen erzielen diese Wirkung dadurch,
daß sie, als Altäre oder Sakraments-
häuschen en miniature, den Thronns an
der Stelle des Tabernakels haben, über
welchem sich dann in reichster Pracht der
Hochbau als Baldachin erhebt, während
er zu beiden Seiten von Figuren-Nischen
flankiert ist. Ist hier das Sanktissimum
auch nicht der mathematische Mittelpunkt
der Monstranz, so weist doch die ganze
Konstruktion auf den Thronns als den
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