Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

Seite: 117
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Kern des gesammten Aufbaues hin-. Und
wir können hier die Bemerkung nicht
unterdrücken, daß es vom künstlerischen
und stilistischen Standpunkte verfehlt er-
scheint, an Stelle der ursprünglichen
oblongen Thront (meistens mit Cylinder-
gestalt), welche sich so meisterhaft in's
Ganze des gothischen Aufbaues eingliedern,
ein Kreisrund mit aufgesetztem Ornamen-
tenrand als Expositionsraum in die Ar-
chitektur der Monstranz einzuzwängen —
natürlich nur in der wohlgemeinten Ab-
sicht, dadurch das Zentrale der Monstranz
mehr markant zu machen. Wir behal-
ten uns vor, bei Gelegenheit auf die
künstlerische Unmöglichkeit solch' einer
Verquickung zweier völlig fremder Kon-
struktionen znrückzukommen. Die in den
Spätzeiten der Renaissance — Barock und
Rokoko u. s. w. — entstandenen Mon-
stranzen (Me meisten Werke der eigent-
lichen Renaissance schließen sich noch an
die gothischen Grundformen des Aufbaues
an, gleich den Altären dieser Periode)
kommen der eigentlichen Idee des ganzen
hl. Gefäßes bei all' den Schwächen der
Entwürfe noch weit näher, als die Er-
zeugnisse der gothischen Kunst; denn hier
i>t die ganze Monstranz eben nur die
Umrahmung des Thronus; bei den
„Sonnenmonstranzen" tritt dieser Ge-
danke noch entschiedener heraus. Nicht
umsonst sind gerade Werke dieser Stil-
arten besonders populär bis auf den
heutigen Tag. Was nun den romani-
schen Stil betrifft, so liegen hier aus
bekannten Gründen überhaupt keine alten
Monstranzen vor. Als das Fronleich-
namsfest eingeführt wurde, da herrschte
ja bereits die Gothik. Es blieb also der
modernen Zeit Vorbehalten, sich um das
Problem zu bemühen, möglichst „ächte"
und stilgemäße romanische Monstranzen
zu konftruiren. Man kann eben nicht
sagen, daß die betreffenden Entwürfe be-
sonders glücklich sind. Wir haben ver-
schiedene Kataloge sehr bedeutender Firmen
dnrchblättert und darin eine Reihe von
angeblich romanischen Monstranzen ge-
fuubeit, welche trotz lichter Details auch
keine Spur von wirklich romanischer Kunst
rtu sich tragen. Wir behalten uns einen
kritischen Spaziergang durch dieses Gebiet
für ein andermal vor, um nun ans die

Monstranz zu koinmen, welche Meister
Hugger in Rottweil für die St. Nikolans-
kirche in Stuttgart, der betreffenden Be-
dingung für die Konkurrenz entsprechend
im romanischen Stil entworfen und an-
gefertigt hat. Ehe wir aber auf die
Frage eingehen, ob dieses durch und durch
originale Werk den Anspruch darauf er-
heben kann, als stilgemäß und ächt
zu gelten, wollen wir es uns etwas näher
ansehen. Damit der Leser sich eine nur
so genauere Vorstellung machen kann, ist
mit ausdrücklicher Erlaubnis; des Meisters
und unter selbstverständlicher Wahrung
seines Urheberrechtes (wir weisen aus-
drücklich gegenüber unbefugter gänzlicher
oder theilweiser Nachahmung dieses Werkes
auf die neuesten sehr verschärften gesetz-
lichen Bestimmungen über den Schutz des
geistigen Eigenthums hin) diesem Artikel
ein Photographie-Lichtdruck beigegeben, ans
welchen wir verweisen.

Wie man auf den ersten Blick sieht,
ist die Grundform der eigentlichen Mon-
stranz denkbar einfachst: ein gleichseitiges
Kreuz, welches in einen Kreis konstruirt
ist; die Mitte des Kreuzes und Kreises
bildet der Thronus. Diese drei Theile:
Kreis, Kreuz und Thronus, sind stark
markirt, so daß sie sofort als dominirend
heraustreten. Der Thronus hat die
Gestalt eines wuchtigen Quadrats, in
welches durch Ueberschneidung der Ecken
ein Achteck eingegliedert ist: der Ueber-
gang zum inneren Kreisrund für die Ex-
position des Allerheiligsten. Die Kreuze s-
balken sind wie der sie einschließende
Kreis von erheblicher Breite, und zwar
so, daß sie äußerst markant das überaus
sinn- und geistvolle Gerüste und Gerippe
des Ganzeil bilden. Die vier Zwickel-
felder zwischen je zwei Kreuzesbalken uiib
dem betreffenden Kreissegment sind mit
fein durchbrochener, rein ornamentaler Ar-
beit ausgefüllt.

Sehen wir uns zunächst diese Theile
näher an. Der Thronus, in welchem
die heilige Gestalt von einem Goldreifen
vollständig eingefaßt und gehalten ist, zeigt
eine überaus seine Perlschnur im Achteck;
die Ecken des Vierecks, welche überschnitten
sind, tragen den feinsten mtb duftigsten
Silberfiligranschmuck auf Goldgrund mit
je einer lapis-la^uli-Perle in der Mitte;
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