Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

Seite: 120
DOI Heft: 10.11588/diglit.15935.64
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15935.67
DOI Seite: 10.11588/diglit.15935#0134
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1902/0134
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
120

lahme goldene Rauke», stil- und charakter-
los auf farbigen Grund gesetzt.

Da die Litanei, wie bemerkt, die Hei-
ligen Franziskus ilnd Dominikus') ent-
hält, so kann unser Codex nicht vor 1234
entstanden sein. Ihn um Vieles später
zu setzen, verbietet der Stil, so wird er
auf ungefähr 1240 zu datiren sein.

Die nächste Augsburger Miniaturhand-
schrift ist zeitlich nicht viel später, als die
eben besprochene, doch verkörpert sie eine
ganz erheblich fortgeschrittenere Stufe.

CIm. 16137, ein Psalterium,
befand sich zur Zeit der Säkularisation
in der Kollegiatkirche St. Nikolaus bei
Passau. Die Litanei weist die spezifi-
schen Augsburger Heiligen: Afra, Hilaria,
Digna, Euuomia und Entropia, das Ka-
lendarium unter Anderem die Heiligen
Afra, sowie »Hilaria. et. soc« als Feier-
tage und als unwiderleglichen Beweis der
Provenienz wenigstens ans der Augsburger
Diözese unter'm 28. September »Dedi-
catio matris ecclesiae in Augusta« auf.
Doch dürfen wir wohl Augsburg selbst
als Entstehungsort anuehmeu, da z. V.
in einem Kloster außerhalb Augsburgs
nicht ausschließlich die speziellen Augs-
burger Heiligen und vollends die Ein-
weihung des Augsburger Domes so sehr
in den Vordergrund gestellt worden wären.

Dem von einfachen Kanonesbögen ein-
gefaßten Kalendarium sind die Thierkreis-
bilder beigefügt, die in farbig umrahmten
Medaillons auf Goldgrund in Deckfarbe
gemalt sind. Die kräftigen schwarzen
Konturen fallen schon hier etwas auf.
Die Zwillinge sind als zwei sich mit Keulen
bekämpfende, gewappnete Ritter dargestellt.

Der übrige Miniaturenschmuck des nrit
großer Sorgfalt geschriebenen Psalters be-
steht in Initialen. Und zwar ist unter
den Initialen ein zweifacher Typus ver-
treten. Zunächst die großen Prachtinitialen,
die uns die alte, seit dein 11. Jahrhun-
dert eingeführte Rankeninitialis in ihrer
späteren Entwicklung vor Augen führen.
Die Initialen sind in rechteckigen Nahmen
eingeschlosseu und zeigen farbiges Ranken-
werk auf gutem Goldgrund. Die Blätter
sind schon recht spärlich imd treten meist

*) ' Franziskus kanonisirt 1228, Dominikas
1234.

nur am Ende einer.Ränke in Form der
bekannten blattartigen Sappen auf. . Da-
gegen finden sich — ebenfalls ein Cha-
rakteristikum der Spätzeit dieser Jnitialeu-
forin — in den reicher ausgeführteu
Initialen der Art eine Menge Drachen
und greifenartiger Thiere.

Besonders hingewiesen sei auf eine
Eigenthümlichkeit, die für Augsburger
Initialen geradezu charakteristisch zu sein
scheint, die in dem zuvor besprochenen
Kodex zwar auch angedeutet, aber hier
erst völlig ausgebildet ist. Wir sehen
nämlich nicht nur den ersten Buchstaben
z. B. eines Psalmes als Jnitialis beson-
ders ausgezeichnet, sondern vielfach auch
die folgenden Buchstaben des ersten oder
der ersten paar Worte, und zwar so, daß
sie einzeln, jeder in einem eigenen recht-
eckigen Feld der rechten Vertikal- oder der
unteren Horizontalseite des Hanptinitialis
entlang aneinander gereiht werden. Die
Buchstaben selbst sind dann gern in Gold,
die Grundfelder in Farben gehalten, die
schachbrettartig vertheilt sind.

In der ersten Jnitialis „¥>“ sehen wir
zwei getrennte figürliche Darstellungen,
den thronenden König David, auf der
Harfe spielend, und darüber einen schrei-
benden Bischof mit grünem Nimbus. Stellt
dieses Bild etwa gar den Schreiber unseres
Psalteriums — einen Bischof vor? Oder
ist es eine Schmeichelei des Schreibers
gegenüber seinem Bischof, den er als le-
bendige Illustration zu dem gerechten
Manne, wie ihn der Psalm »Beatus
vir . .« preist, hinstellen will? Am wahr-
scheinlichsten ist die Vermnthung, St.
Ulrich sei hier als das Prototyp des
Gerechten dargestellt.

Auf iol. 49 ist in einem Q(uid glo-
riaris ...) dessen Endschnörkel als Drache
gebildet und St. Michael als Dracheu-
tödter dargestellt. Neben Michael erhebt
sich, wohl nur um den Raum etwas besser
zu füllen, ein röthlicher Berg, darauf ein
als naturalistisches Blatt gebildeter Baum.

Die folgende Seite zeigt eine weitere
figürliche Darstellung, in einem „D"(ixit
insipiens . .), einen stehenden Heiligen
im Dominikanerhabit, der eine vor ihm
knicende, weltlich gekleidete Frau segnet. (?)

Haben wir in der bisher geschilderten
Art von Initialen die späte Entwicklungs-
loading ...