Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

Seite: 121
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form eines alten Typus betrachtet, so
stellt sich die zweite Art als Vertreterin
einer neu anbrechenden Epoche der Jnitial-
ornamentik dar.

Der Buchstabe selbst ist ganz einfach,
ohne Verzierung, nur in Gold gehalten.
Er steht in einem durch eine schwarze
Kontur gebildeten Rahmenrechteck, dessen
Grund ein mildes Roth zeigt, während
der vom Buchstaben umschlossene Raum
zartblau ist. Diese Farben sind öfters
auch vertauscht und immer durch feine
Deckweiß-Arabesken belebt.

Was sowohl bei den Initialen als bei
den figürlichen Bildern noch mehr als in
der zuvor besprochenen Handschrift her-
vortritt, sind die kräftigen, ja derben, ties-
schmarzen Konturen, durch welche die Zeich-
nung hervorgehoben ist. Beobachten wir
genauer, so finden wir, wie im Figür-
lichen diese kräftige schwarze Kontur nur
da sich findet, wo Gold von'Farbe oder
eine Farbe von einer anderen geschieden
werden soll, während beispielsweise selbst
die am deutlichsten ausgeprägten Falten
eines Gewandes nicht in Schwarz, sondern
in einer dunkleren Nuance der betreffenden
Lokalfarbe eingezeichnet sind. Kurz, wir
werden an den Eindruck alter Glasmalereien
erinnert, in denen jede Farbe ein Glas-
stück für sich darstellt, das von der anderen
durch die schwarze Linie der Verbleiung
geschieden ist.

Wir möchten es nicht für unwahrschein-
lich halten, daß die Glasmalerei, damals
eine jung aufstrebende, in ihrer farbigen
Wirkung zumal damals so eindrucksvolle
Technik, hier wirklich einen gewissen Ein-
fluß ansgeübt hat, den wir auch bei
anderen AugslmrgerMiuiatureu der nächsten
Zeit noch öfter wahrnehmen werden.

Was die F ä r b u n g anlangt, ist gegen-
über Elm 2640 ein ganz gewaltiger Fort-
schritt zu verzeichnen. Hier sind die schreien-
den Mißklänge jener Farben ausgeglichen
und ist auch in koloristischer Hinsicht ein
Uebergang zu den farbig so vorzüglichen
Leistungen der unmittelbar folgenden Zeit
gegeben.

_ In stilistischer Beziehung sei auf die für
die Mitte des 13. Jahrhunderts so sehr cha-
rakteristischen, scharfkantigen und -eckigen
Gewandsäume hingewiesen, die schon gegen
Ende desselben Jahrhunderts den runden !

gothischen Formen weichen werden. Die im
Kalendarium vorkommenden Heiligen Fran-
zikus imb Dominikus weisen in der That
zusammengehalten mit dem Stil dieser
Miniaturen ans die Mitte des 13. Jahr-
hunderts.

Eine weitere Augsburger Miniaturhand-
schrift unserer Zeit liegt in der fürstlichen
Bibliothek zu Maihingen als I. 2 lat.
19. Wiederum ein Psalterium.

Für die Herkunft aus Augsburg spricht
das Kalendarium, das unter Anderem
wieder unter'm 28. September »Dedi-
catio matris ecclie Auguste« und die
Litanei, welche die spezifisch Augsburgi-
schen Hilaria, Digua, Eunomia und En-
tropia aufmeist.

Den das Kalendarium umrahmenden
Kanonesbögen sind die Thierzeichen und
die Monatsarbeiten beigefügt.

(Fortsetzung folgt.)

Symbolif des Hasen.

Von Pfarrer Reiter.

Der Hase, welcher nach der Bibel
(Lev. 11, 6 und Deut. 14, 7) zu den
unreinen Thieren zählt, hat eine mehr-
fache symbolische Bedeutung. Beschäftigen
wir uns einige Augenblicke mit demselben.

Im Kreuzgang des DonleS zu Pader-
born ist eine Skulptur, wo drei Hasen
mit zusammen drei Ohren in einem Kre'se
abgebildet sind.') In ähnlicher Weise findet
man im Kloster zu Muotathal in der
Schweiz drei Hasen so gegen einander
gestellt, daß das rechte Ohr eines jeden
zugleich das linke des andern ist, alle drei
zusammen also auch nur drei Ohren haben.

Nach gewöhnlicher Annahme soll diese
bildliche Darstellung die heilige Dreifaltig-
keit symbolisieren. Uns hat von jeher
eine solche Auffassung etwas befrentdet,
allein wir können uns doch mehr und
mehr mit derselben versöhnen, wenn wir
bedenken, wie auch sonst der Hase zu der
Gottheit in Beziehung gebracht wird. Da
ist es einmal das griechische Wort Lagos
- (— Hase), welches ähnlich lautend wie
' Logos eine Verbindung mit der zweiten
Person in der Gottheit herstellt. Sodann
mag hingewiesen werden auf das, was
Oberle in seinem Werke: „Das germa-

>) Detzel I, 38.
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