Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

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(ji'jiell Halle. Und das eben isl hier au-
geivendet. Wohl haben Einige die „Schei-
ben"-For»; der Monstranz etwas kritisch
angesehen. Dagegen isl zu sagen, das; die
Kreisfor»; (der Kreis ist indessen durch
das dominirende Kreuz überschnitte») der-
selben ganz int Wesen des romanischen
Stiles liegt, und es ist wahrlich nicht ein-
zusehen, warum die romanische Kreisform
etwa weniger für eine Monstranz passend
sein soll, als die Oval- oder Eiform der
Spätzeit. Noch kein Mensch hat z. B.
das berühmte Degenknopfbild des Kaisers
Mar, noch den Schild des Achilleus oder
die Madonna della Sedia re. deshalb bean-
standet, weil sie „Scheibenform" haben.
Wir denken, es kommt einzig auf den
künstlerischen Gehalt und die künstlerische
Ausgestaltung und Durchdringung des
Ganzen an, nicht auf den Anßenrand. Zn
alledem ist es unrichtig, von einer Schei-
benform bei der Monstranz Hngger's zu
sprechen. Die Grundgestalt ist vielmehr,
ivie sofort ersichtlich, die des vom Kreis
umschlossenen Kreuzes. Und es dürfte
unseres Erachtens überhaupt keine wür-
digere und tiefsinnigere Monstranzanlage
geben, als die, nach welcher der Thronns j
mit dem enchnristischen Geheimnis; von deni j
Kreuz, den; Zeichen der Erlösung gehalten j
und getragen, und von dem Kreis, dem
Symbol der Einigkeit und Göttlichkeit, '
umgeben ist. Wenn dann dazu konnnt,
das; die Losung dieser Ausgabe in solch'
meisterhafter Weise, in solcher Harmonie
der Erscheinung, in solchem Verständnis;
des Stiles, in solcher Zartheit der Aus-
führung, in solcher Pracht der Wirkung
gelungen ist, dann darf man wahrlich
gerade vom kirchlichen ivie von; technischen
Standpunkt aus sich freuen, das; endlich
auch in diesem Fache etivas geschaffen
wurde, das von bleibenden; Werthe sein
wird, das der kirchlichen Edelmetallkunst
in der Diözese Nottenbnrg zur besonderen
Ehre gereicht.

Dem Corpus der Monstranz entspre-
chend ist der ihn tragende Schaft und
Fus; gehalten. Die zwei technischen Pracht-
stücke außer der reichen Oberfläche des
Fußes sind der durchbrochene Wulst im
liebergang von; Schaft zun; Fuß und der
Knauf mit dem überreichen Filigran-
gewebe. Letzterer, ivelcher manchem ans de»

ersten Blick erheblich groß erscheinen wollte,
j zeugt besonders von dein sicheren harmo-
nischen Empfinden des Meisters. Wenn
man den ganzen Aufriß der Monstranz
vor sich hat, und vollends ivcnn man die
Silhouette derselben prüft, so ergibt sich
gerade diese Große und Form als nicht zu
groß und nicht zu klein — als nothwen-
dig. Da es weit schwieriger ist, für einen
Monstranz-Corpus mit der strengen Form
des Kreises und gleichseitigen Kreuzes
einen harmonischen und künstlerischen Fuß
und Schaft zu entwerfen, als etwa für
einen gothischen Aufbau oder für ein
Barockwerk, so sei dies besonders hervor-
gehoben. Auch hier hat Hngger, von
dessen überaus feinen; Formensinn seine
bekannten Kelchsilhonetten sprechen (leider
haben sich für die zivei schönsten Kelche
aus Hnggers Atelier und für das Pracht-
ciborinm keine Kirchen oder Stifter als
Käufer gefunden, vielmehr ruhen dieselben,
wegen ihrer hervorragenden künstlerischen
Schönheit von; Staate angetanst, als
Meister-Schauwerl'e kirchlicher Kunst in;
K. Gewerbemnsenm zu Stuttgart), wieder
sich vollauf bewährt, so daß ihm mit Recht
die Anerkennung gebührt, daß er sowohl
auf den; Gebiete der metallurgischen
Kunst-Technik, ;vie ans den; der
künstlerisch - stilgemäßen K o m p o fit i o n
ein Meister ersten Ranges ist.

Daß die ganze Monstranz bis ins
Einzelnste hinein ausschließlich Handarbeit
ist, soll noch ausdrücklich angeführt wer-
den; kein Wunder, wenn der Meister über
ein Jahr den; Werke gewidmet hat. Das
Material für das ganze Werk ist aus-
nahmslos Feinsilber; das Gesammtgewicht
beträgt ca. 12 Pfund; die Höhe der Mon-
stranz niißt über 80 Centimeter.

Der Preis ist überaus inäßig gewesen;
nur schade, daß die Mittel nicht dafür
ausreichten, n»> auch die Rückseite der
Monstranz, der Vorderseite entsprechend,
in gleicher Weise nnt Email, Filigran,
Steinen n. s. w. reich auszustatten ivie das
in; Entwürfe geplant war. In; klebrigen
bietet auch so die Rückseite wegen der reichen
durchbrochenen Arbeiten einen sehr schönen
Anblick.

Schließlich soll noch ein Gedanke an-
geregt werden. Der Appell an die Diözese
behufs der Erbauung einer neuen Dom-
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