Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

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kuunei nnb Dr. wieder bei Gellach und
Schenk in Wien „Handzeichnnngen alter
Meister ans der Albertina"; es wurden
aber auch die Schätze von andern Samm-
lungen herangezoge». Fürst Liechtenstein,
Erzherzog Franz Ferdinand Este, Graf
Wilczek, Baron Tenffenbach, die Akademie
der bildenden Künste in Wien, die Ra-
tionalgallerie in Budapest, das Mnseum
in Basel, das Stndel'sche Institut in
Frankfurt und einige Private stellten ihre
Kunstblätter zur Verfügung, in einem
knapp bemessenen, aber gehallvollen Text
geben die Verfasser Winke für das Ver-
ständnis; und die derzeitigen Resultate der
Kunstforschnng saunnt der einschlägigen
Literatur; stilvolle Einbünde schützen die
Blätter il»d sichern ihnen das Eintritts-
rccht auch in die Salons, ltnb so ist ein
Werk geschaffen, das für den Forscher
ivie für den Liebhaber von dauerndem
Werlh ist, den Facsimileansgabcn anderer
größerer Sammlungen sich würdig anreiht
und das vom Italiener Senator Morelli
mit Recht so energisch betonte Studium
der Handzeichnnngen lvesentlich erleichtert
und rüstig fördert. Tie neuerdings in
Angriff genommene Edition des Nachlasses
von Leonaldo da Vinci wandelt auf den
gleichen Pfaden, mib der durch dieselbe
angebahnte Umschivung in der Benrthei-
lnng des Meisters lehrt deutlicher als
Worte die Wichtigkeit derartiger Publi-
kationen. Das Gekritzel, ivie es Raffael
oder das Geklexe, wie cs Renibrandt
dann und wann beliebte, scheint ja aller-
dings mehr das unbcivnßte Spiel der
Künstlerlanne als das zielbewnßte Schaffen
des Genius wiederzngeben und das Pa-
pier nicht werlh zu sein, auf dem es
reprodnzirt ivird, noch die Blühe, welche
die Vervielfältigung kostete, noch das
Geld, das man für dieselbe zahlt. Allein
auch diese Blätter haben ihren tiefen
Sinn und darum ihren dauernden Werth,
andere aber sind so klar in der Auf-
fassung und trefflich in der Durchführung,
daß sie rein für sich genommen eine
künstlerische Thal bedeuten, gleichviel ob
sie zu einem Gemälde in Beziehung stehen
oder über den Entwurf nicht hinansgc-
kommen sind.

Bleiben wir bei ersleren stehen, so ist
eS ungemein interessant, zu verfolgen,

\ welche Wandlungen die Eingebung eines
glücklichen Moments, oder irgend eine
flüchtige Erscheinung in der Außenwelt
dnrchmachc», bis ans ihnen ein vollende-
tes Meisterwerk sich heranskrpstallisirt hat,
ivie viele Rcbeneindrücke und R'ebenfiguren
gesammelt, geordnet, nivellirt werden muß-
ten, bis sie sich ebenmäßig in die Har-
monie eines Kunstwerks eingliederten.
So ist der Reitersmann, den Dürer ans
Pirkheimers Reisigen in ein paar Fedcr-
und Pinselstrichen konterfeite, eben auch
einer von den vielen, die damals ihr
Glück der Spitze des Schwertes anver-
tranten : aber etwas mehr Fluß in der
Gestalt des Reiters, eine entschiedenere
Haltung, eine leise Drehung des helm-
gedeckten Kopfes nach links, ein kräftiger
gehaltenes und ruhig dahinschreitendes
Pferd — und wir haben das Urbild
dculschen Krastbewnßtseins und deutscher
Unerschrockenheit, wie eS ein für allemal
festgelegt wurde in der Hauptfigur des
berühmten Blattes: /.Ritter, Tod und
Teufel". Ein in wenigen Strichen skiz-
zirter, ans einem andern Blatt etwas ge-
nauer charakterisirter Jüngling begegnet
»ns wieder in der Vermählung der hl.
Katharina von Fra Bartolommeo, der
definitiven Aussührnng steht viel näher
Raffaels Skizze zur Madonna mit dem
Granatapfel, ebenso die zur Esterhazp-
madonna und die zur Madonna im
Grünen. Dagegen zeigen uns andere
Blätter vom selben Meister, wie viele,
allerdings sehr summarisch gehaltene
Proben er machte, bis sich ihm die Fi-
guren zu dem Wohllaut und der Run-
dung der Umrisse znsammenvrdn.eten, die
allen seinen Werken eigen ist. Die
Proben zu einer Gruppe erreichen dann
und wann beinahe die Zahl eines halben
Dutzends. Sehr peinlich ansgeführte Vor-
studien hat Francesco Morone gemacht,
ebenso Cesare da Sesto. Ein Unikum
sind Rembrandts Skizzen. Man sieht
ihnen heute noch die Eile an, mit der
der vielseitige Mann die Gestalten und
die Stimmungen festznhalten suchte, die
ihm seine unerschöpfliche Phantasie ein-
gab. Ein paar Bisterlinien, einige
Pinselstriche mit Tusch, vielleicht noch
einige Höhungen mit Farben und das —
Geschmier ist fertig. Als solches prüfen-
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