Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

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lirt es sich thatsächlich auf de» erste»
Blick. Sieht man jedoch näher z», so
kau» »>a» »ur staune», »sie mit solch'
primitive» Mittel» und i» so wenigen
Züge» sich ei» Gemälde i» alle» seine»
»sichtigsten Theilen festlege», oder »sie mit
ein paar flüchtige» Striche» eine Gestalt,
eine Handlung, eine Stimmung sich nsieder-
gebe» läßt. Daß es sich hier »m eine
einzigartige Veranlagung handelt, zeigt ein
Blick ans die Versuche der Schüler Rem-
brandts, es dem Meister gleich zu Ihn».
Alan kann sie nicht als mißlungen be-
zeichnen, aber an ihr Vorbild reichen sie
nicht hinan. Der Meister selber scheint
sich völlig klar gewesen zu sein über den
Werth derartiger Studien. Er hat seinen
Namen gewöhnlich nicht eingezeichnet,
aber eines der glänzendsten Bravourstücke
flotter Zeichnung und prägnanter Eharak-
tcrisirung, den jungen Elephanten, hat er
signirt. Ganz anders gehen Rubens oder
gar Dürer zu Werke. Athmen schon die
Entwürfe des erstercn deutlich die Liebe
und das Interesse für's Detail, die Sorg-
falt auch im Kleinen, so ist die Gründ-
lichkeit, mit der Dürer sich in die Einzel-
heiten versenkt, und die Peinlichkeit und
Sauberkeit, mit der er dieselben zu repro-
dnziren sucht, geradezu typisch für den
Deutschen in seiner Sinnigkeit, Genauig-
keit und Gewissenhaftigkeit. Er hat ja
zur Genüge bewiesen, daß das groß-
zügige Wiedergeben einer Person, eines
Vorgangs in wenigen Strichen auch
innerhalb seines Könnens lag; aber für
gewöhnlich begnügt er sich damit nicht,
sondern führt Gewandstudien, Hände,
Arme, Pflanzen und ganze Akte mit einer
Sauberkeit aus, als wären sie direkt für
die Oesfentlichkeit und für die Probe auch
gegenüber der bissigsten Kritik bestimmt,
— nebenbei bemerkt könnten wir uns
kaum trefflichere und instruktivere Zeichen-
vorlagen denken, als Dürers Handzeich-
nungen. Es giebt ja allerdings einen
sehr prosaischen und trivialen Erklärnngs-
grund hiefür. Die Freude an seinen
Bildern beiin Publikum war groß, die
Kauflust jedoch klein, und es ist sehr be-
zeichnend, daß er wohl das Beste, was er
geschaffen, die vier Apostel, gewöhnlich
die vier Temperamente genannt, nicht ab-
setzen tonnte, sondern seiner Vaterstadt

I ivohl oder übel schenken mußte. Dian
kann also sagen, er hatte Zeit für Pünkt-
lichkeit. Allein wenn er trotz unange-
nehmer wirthschaftlicher Erfahrungen die
Freude an der Kunst und die Begeiste-
rung für das Schöne nnverkümmert be-
wahrte, so ist dies für ihn um so ehren-
voller, ein Zeichen, daß sie ihm Herzens-
sache war. Wie hätte er sonst nur sich
die Zeit und Mühe nehmen können, einen
Veilchenstrauß, ein Rasenstück bis aufs
minutiöseste Detail zu kopieren, den Flügel
einer Blaurake so zu zeichnen, daß er
heute noch in seiner naturalistischen Voll-
endung einzig dasteht, einen Hasen so ge-
nau anfs Papier zu zaubern, daß man
kühnlich sagen kann: „es ist wohl nie-
mals ein Wesen besser und naturbclansch-
tcr abgelsildet worden." Derjenige hat
es fertig gebracht, der als Fnndamental-
satz seiner Kunstanfsassnng das Wort
niedergeschrieben, daß die Kunst in der
Natur drinnen steckt und daß der sie hat,
der sie heraus kann holen. Er hat da-
mit seiner Kunst die Natürlichkeit und die
Wahrheit gesichert. Er bleibt ja aller-
dings der Natur auch dann treu, wenn
sie in's Burleske und Bizarre geht, >l»d
nimmt manche Figur ans, die mehr in-
teressant als schön ist und dem antiken
oder dem klassieistischen Geschmack nicht
behagen will; daneben aber stehen wieder
Gestalten von idealer Schönheit, und eine
Vorliebe für's Häßliche, »sie wir sie bei
manchen Modernen treffen, kann man ihm
nicht nachsagen.

Wir haben bereits darauf hingewiesen,
daß die Handzeichnnngen oft die Vor-
studien oder den direkten Entwurf für ein
I eigentliches Gemälde repräsentire», also
zu ihm sich verhalten wie das Unvoll-
kommene znm Vollkommeneren. Hie und
da ist jedoch das Verhältniß ein umge-
kehrtes. In der Handzeichnung haben
wir den Künstler »sie ihn Gott und die
Natur gemacht, in der definitiven Aus-
führung muß er denn Genius ab und zu
durch Geschmacksverirrungen der Zeitge-
nossen oder der Besteller die Schwingen
beschneiden lassen; oder er wird verkannt
und läßt sich dadurch von weiteren
Schritten in die Oesfentlichkeit abhalten.
Im einen wie im andern Fall ersteht ihm
in dein, was er ohne alle äußere Fessel
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