Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

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oder Anregung geschasfen, ein energischer
Anwalt für seine endgiltige Werthuug in
der Kunstgeschichte. Ja es kann Fälle
geben, ivo dieser Anwalt geradezu für
sein EigenthumSrecht in die Schranken
tritt. Bei manchen Gemälden ist die
Nomenklatur eine schwankende. Bald wer-
den sie dem, bald einem andern Meister
zngeschrieben. Um Gründe pro und
contra ist man nie verlegen und der
Streit kann recht erbittert werden. Läßt
sich nnn aber eine sicher datirte oder sig-
nirte Handzeichnnng, sei es als Entwarf,
sei es als Vorstudie, Nachweise», so ist
dem Gezänke endgiltig ein Ende gemacht.
Ans diesem Wege sind neuerdings Meister,
deren Namen man nicht einmal sicher
kannte, zu Ehren gekommen. — Und mit
den Meistern teilt sich ihre ganze Zeit
in den Gewinn, der aus den Handzeich-
nnngen fließt.

Wenn die Natur im weitesten Sinne,
das Leben so wie es sich ans den ver-
schiedensten Gebieten entfaltet, die Lehrerin
deS Künstlers sein soll, so ist damit von
selber gegeben, daß sich letzteres ans den
Kunstwerken herauslösen und rekonstrn-
iren läßt, daß die Malerei ein Zeitspiegel
ist und eine ausgiebige Fundgrube nament-
lich für den Kunsthistoriker. Die Modernen
wollen sich das Recht nicht bestreiten
lassen, ihre Gestalten, auch die ans der
heiligen Geschichte in unser Zeilkostüm zu
kleiden und sie damit dem Bewußtsein
des Volkes näher zn bringen. Sie legi-
timircn sich mit dem Hinweis ans Rem-
brandt, Dürer, Holbein re. Nun läßt sich
ja die Thntsache nicht in Abrede ziehen.
Die Werke der genannten Meister sind
wirklich eine gute Quelle für die Kostüm-
knnde. Hat doch Dürer geradezu Ent-
würfe gefertigt für Hofkleider und uns
anschaulich geschildert, wie die Frauen in
Venedig sich kleiden, oder wie sie in
Nürnberg für die Kirche, für den Tanz,
ftir's Hans sich schmücken, wie die Bäuer-
innen ans den Markt gehen. Sein
Triumphzug Maximilians ist für jene
Zeit das, was Adolf Menzel's Werke für
die fr'dericauische. Nur sollte man —
wenn wir uns zum strittigen Punkt eine
Bemerkung erlauben dürfen — nicht ver-
gessen, daß jene Regel keine so ausnahms-
lose war, wie man manchmal behauptet,

ferner daß der ehrenfeste Bürgermeister
Mayer auf Holbeins Marienbild in seiner
Schaube oder ein hl. Georg oder Michael
im mittelalterlichen Harnisch, wie sie ans
so vielen Bildern wiederkehren, sowohl
was den „Schnitt" als die Farbe be-
trifft, sich doch ganz anders präsentire»,
als wenn man den einen im Königsfest-
anzug eines modernen Oberbürgermeisters
mit Bügelfalten an den Beinkleidern,
weißer Weste und dito Halsbinde und
Handschuhen, mit clmpe.ru claque und
Schnurrbart ä la „Es ist erreicht", oder
den hl. Georg in einer modernen Uni-
form — und wäre es die eines Gardc-
leutnants — auch nur auf einem für den
Salon berechneten Bild religiösen Inhalts
darstellen würde. Und man sollte ebenso-
wenig übersehen, daß das Volk am Ende
des Mittelalters von den religiösen Schau-
spielen, besonders den Passionsspielen her
gewohnt war, die Heiligen im Zeitkostüm
zu sehen.

Gehen wir von der Kleidung zur Woh-
nung, so läßt schon der Umstand eine
reiche Ausbeute hoffen, daß gerade die
größten italienischen Meister nicht bloß
Maler und Bildhauer, sondern auch Archi-
tekten waren. Diesseits der Alpen liegen
die Dinge anders; aber auch hier sind
die Räume, in welche die Bilder hinein-
koustruiert sind, deutliche Zeichen einer
kühnen Gestaltungskraft und, sofern sie
sich anlehnen au Vorbilder in der un-
mittelbaren Umgebung, zugleich das beste
Jllustrationsmaterial zur Geschichte der
Architektur. Die Wohnlichkeit der Jnnen-
räume und der feine Geschmack, mit dem
sie die Künstler bis in's minutiöseste
Detail auszustatten verstanden, ist der
modernen Jnnenknnst so oft als Muster
vorgehalten worden, daß wir darüber kein
Wort mehr zu verlieren brauchen. Auch
für die Innenausstattung der Kirchen,
Paramentik re. wäre hier noch viel zu
holen, lind achtet man erst einmal dar-
auf, wie sich das Leben innerhalb dieser
Räume gestaltet, so entdeckt man so man-
chen individuellen Zug, der auf den ersten
Blick verrätst, daß er der Wirklichkeit ab-
gelauscht ist, also Leben und Sitten auch
wieder illustrieren kann. Ohnehin hat
ein ganzer Eyklus von Handzeichuungen
! die für jeden Monat charakteristische Thä-
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