Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

Seite: 131
DOI Heft: 10.11588/diglit.15935.71
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15935.73
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15935.74
DOI Seite: 10.11588/diglit.15935#0149
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1902/0149
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
liijf'eit bov Volkes biioft zum Gegenstand,
et>va so wie die heutige» Kalendervignetten
(Meister in H. S. Behams Art.). Haus
Springinklee schildert ans bei» Blatt „Jn-
bith und der Kaurpf vor ber Stabt Be-
thnlia" eine Belagerung unb einen Kampf
zwischen Laubsknechteil bis ans bie Ka-
nonen, Trommeln unb geschlitzten Kleiber
der zeitgenössischen Heere. Nimmt man
etwa ben Bauerubrueghel und ein paar
Schweizer Maler fünfter und sechster Güte
ans ber Landsknechtszeit ans, so wirb
man zugeben müssen, baß bie Künstler
das Volksleben etwas idealisirt haben;
aber gerade hier treten wieder die Hand-
zeichnuugen ein. In denselben haben die
Künstler ihre Umgebung porträtirt, wie
sie sich ihnen wirklich darbot, vielleicht
manchmal derber, aber dann auch wahrer,
als sie es nachher auf ihren Gemälden
schilderten. 9lm: darf man über den derben
Zügen nicht auch die aninuthigen und
sinnigen vergessen. Ja, da und dort
konnte sogar unsere hyperkultivirte Zeit
noch bei den Alten in die Schule gehen.
Es sei nur Eines erwähnt. Ob das aus-
gehende Mittelalter die Neujahrswnusch-
enthebnngskarten kannte, vermag ich nicht
zu koutrolliren. Dagegen lassen sich Neu-
jahrskarten Nachweisen, und zwar von
keinem Geringeren, als von Dürer, und
so schön und so sinnig, wie es eben nur
Dürer kann: ein holdseliger Jesnsknabe
in schlichtem Kleidchen, mit der Weltkugel
in der Hand, blickt dein Beschauer aus
einer Fensternische freundlich lächelnd ent- (
gegen, gleich als wollte er selber seinen
Nenjahrswuusch darbringen und durch die
Weltkugel, das Sinnbild der Weltherr- ,
schaft, die beruhigende Versicherung gebe»,
daß er auch im neuen Jahr die Geschicke
zum Besten lenken wolle. Ist das, ganz
abgesehen vom künstlerischen Werth, nicht
ganz anders als eine Karte mit dem öden
„Prosit Neujahr", nicht zu reden von
denen mit dem Wunsch „Prosit Neujahr
alte beziv. alter", und daneben eine Kratz-
bürste oder ein Drache, oder ein noch
niedrigerer Vertreter des Thierreichs. Auch
hier kann die Befolgung des Dichterwortes
nur von Nutzen sein:

„Was du ererbt von deinen Vätern hast.
Erwirb' es, um es zu besitzen."

Dio Augsburger 23iid)iiuilcrci im
Zeitalter der ^olxmftaufeii.

Von l)r. Jo h. Do IN r i ch in München.

(Fortsetzung.)

Bei letzteren fällt der Januar auf, bei
dem der greise Mann, der seinen Fuß
über dem Feuer wärmt, durch den Dstab
und die Glocke deutlich als St. Antonius
der Einsiedler gekennzeichnet ist, sicher ans
deutschem Boden eine der frühesten Dar-
stellungen dieses Heiligen mit den betref-
fenden Attributen. Der Februar zeigt das
Beschneiden der Neben, dann folgt das
Säen, das Hacken, der Mai als allegorische
Jünglingsgestalt mit grünen Zweigen,
dann das Pflügen, das Blähen, die Ge-
treideernte, Weinlese (Einstampfen und
Pressen der Trauben). Für den Oktober
ist das Aderlässen, für den November die
Obsternte (?), für den Dezember das
Schweineschlachten dargestellt.

Verschiedene dieser Bildchen stellen sich,
was genrehafte Auffassung anlangt, als
Vorläufer des eigentlichen Sittenbildes dar.

Unsere Handschrift bietet ferner eine
Reihe prächtiger Vollbilder:

1. Zwei weibliche Figuren, die
Eine eine brennende Lampe, die Andere
einen Palmzweig tragend (Jungfrau und
Märtyrin).

2. Mari ä Verkündigung.

3. Christi Geburt.

4. Thronende M a d o n n a m i t
K ind.

5. Kreuzigung. Christus, nlit vier
Nägeln angeheftet, ohne Suppedaneum
und Dornenkrone.

6. St. Ulrich und St. Nikolaus,
beide in bischöflicher Gewandung, Sankt
Ulrich hält ein kleines Buch, darin die
Worte stehen: Fax vobis.

7. St. Jakobus und St. Johan-
nes E v., beide ohne Abzeichen. Johannes
als Greis gebildet.

8. Herabkunft des hl. Geistes.
Dreizehn Apostel; Maria ist nicht dabei;
oben die Taube des hl. Geistes.

9. D a s j ü n g st e G e r i ch t. Ein groß-
artiges Bild: Christus sitzt auf goldenem
Regenbogen, hinter ihm ragt das große
goldene Kreuz empor, sowie Lanze und
Schwammrohr; zwei Engel halten mit

! verhüllten Händen die Arme Jes», um
loading ...