Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 20.1902

Seite: 135
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ursprünglich für Hohenwart geschrieben
wurde, unterliegt keinem Zweifel. Nicht
nur befand sie sich nachweislich schon in
frühester Zeit daselbst, sicher schon zu An-
fang des 14. Jahrhunderts, ivie verschie-
dene ins Buch eingetragene Notizen zeigen,
sondern wir finden auch unter den ersten
Bildern die von Maria, St. Petrus und
Georg, den speziellen Patronen des Klosters
Hohenwart.

Höchst wahrscheinlich wurde der Codex
auch in Hohemvnrt selbst geschrieben und
gemalt, die zu Füßen der Madonna knie-
ende Nonne ist sicherlich die Künstlerin,
denn stellte sie die Aebtissin dar, so hätte
man nicht unterlassen, ihr ein diesbezüg-
liches Abzeichen oder den Namen beizu-
geben. Leider ist nicht mehr recht zu er-
kennen, ob diese knieende Gestalt in den
vorgestreckten Händen, wie es scheinen
könnte, das Schreibrohr gehalten hat.

Das erste Bild des herrlichen Codex
zeigt eine thronende Madonna mit Kind,
unten kniet eine Nonne in bläulichem Ge-
wand und weißem und darüber schwarzem
Schleier.

Auf einem weiteren Bilde sehen wir die !
beiden Heiligen Petrus, den mächtigen
Schlüssel in der eine», ein Buch in der
anderen Hand, neben ihm St. Georg, eine
prächtige, gewappnete Nittergestalt mit
Schwert, Speer und Schild.

Die nächste Seite bietet eine majestas
Domini: Christus in einer Mandorla

thronend; in den vier Ecken je die .Halb-
figur eines anbetenden Engels.

Die folgende Bildseite ist viergetheilt
und enthält die vier Evangelistensymbole
in Verbindung mit den Paradiesesflüssen,
die, als kleine Knaben personifizirt, den
betreffenden symbolischen Gestalten je aus
einer Urne Wasser einflößen.

Zn Beginn jedes Evangeliums ist so-
dann das Vollbild des betreffenden Evan-
gelisten eiugefügt °. Matthäus greis, kurz-
bärtig, Markus mit braunem Haar und
weißem Bart, Lukas als junger Mann mit
braunen, langen Locken und gleichfarbigem
kurzem Bart, Johannes mit wallendem
greisem Haar und Bart gebildet.

Die Evangelisten sitzen unter oder neben
einer Architektur, in einer oberen Ecke des
Bildes erscheint ihr Symbol in den Wolken,
das als inspirirend gedacht ist. Neben den

Evangelisten sehen wir e>n paarmal zur
Belebung und Füllung des Raumes auch
einen Blumenstrauch aus der Erde.wachsend.

Die Technik dieser Bilder ist eine eben-
so sorgfältige als von hoher Gewandtheit
zeugende Deckmalerei auf Goldgrund, dessen
Glanz sich unversehrt erhalten hat, wie
auch der leuchtende Schmelz der Farbe.
Die Köpfe sind gut modellirt, man sehe
den Kopf des Matthäus, lleberall finden
sich auch die charakteristischen schwarzen
Konturen, wenn auch nicht in der flotten
Derbheit der eigentlichen Augsburger Ar-
beiten.

Die Auffassung verräth die Spätzeit
unserer Periode und ein ganz hervor-
ragendes Talent der Künstlerin. Die
Madonna ist von einer Frische, Innigkeit
und Naivetät der Auffassung, die geradezu
staunenswerth ist. Und ivie real und
ritterlich-prächtig steht St. Georg da!
Auch die Bilder der Evangelisten sind ge-
rade, ivas Auffassung und Charakterisierung
anlangt, hervorragende Leistungen.

Nicht nur in der verschiedenen Behand-
lung und Färbung von Haar und Bart
ist eine gewisse primitive Jndividualistrnng
angestrebt, nein, auch in Haltung und
Bewegung sind die einzelnen Evangelisten
verschieden charakterisirt.

Wir sehen den ernst in seine Arbeit
vertieften Matthäus, den beweglicheren
Markus, der eben einen inspirirenden Ge-
danken auffaßt, den milden, bedächtigen
Lukas, der eben sinnend die Feder spitzt,
und den visionär emporschauendenJohannes.

(Schluß folgt.)

Pastora bona.

Von Pfarrer Reite r.

Vor einiger Zeit wnrde uns ein altes, nicht
gedrucktes, sondern geschriebenes Buch geschenkt:
„Geistliche Goldgrube, in welcher sehr kostbare
geistliche Schätz der auserlesensten Andachts-
Ilebungen begriffen seyud. Wormit ein jeder
gar lcichtlich Gott, was Gottes ist, gebe und
seine Seel mit geistlichen Verdiensten sehr be-
reichern kan. Eingerichtet von 1\ F. Joseph von
Breysach, Capuciner Vorder-Oesterreichischen Pro-
vintz Prediger. Geschrieben durch Jidelis Tha-
deus Barth, Scol.-Provisore in Markdorf, anno
1781."

In dieser Goldgrube lag ein ebenfalls ans
alter Zeit stammendes Bildchen, welches eine
Schäferin mit mildem Gesichtsausdruck zur Dar-
stellung bringt. Dieselbe hat die Hirtentasche
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