Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

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bei eindringlichem Studium des Baues
besonders einprägten, mit fast ausschließ-
licher Berücksichtignng des Inneren.

Man kann die eigenthümliche Bauart der
heiligen Kapelle nicht verstehen, ohne einen
Seitenblick ans die Geschichte ihrer Ent-
stehung zu thnn. Sie sollte nämlich in
beschränktem Raum eine königliche Haus-
kapelle und zugleich eineu Reliquien-
schreiu für die von dem byzantinischen
Kaiser Balduin II. gekauften Reliquien
der Dornenkrone, von Stücken des wahren
Kreuzes und einigen anderen bilden. Da-
her die zwei über einander gebauten, ganz
verschieden angelegten Kapellen, von denen
die untere für das Gesinde, die obere für
den hl. König bestimmt war. Ich glaube
nicht, was Jerome Morand (Histoire de
)a St. Ch. de Paris) für die Zweitheilung
anführt: er leitet sie davon ab, haß die
Kapelle ein Ersatz sein sollte für zwei
Oratorien, von denen das eine zu Ehren
unserer lieben Frau l 154, das andere 1 >60
zu Ehren des hl. Nikolaus erbaut und
später wieder abgebrochen war. Vielmehr
ist hier neben dem allgemeinen praktischen
Zweck sicher der Tradition Rechnung ge-
tragen, welche über den Reliquien der
Märtyrer meist eine Krypta und darüber
eine Kapelle errichtete; diese Disposition
der Doppelkapelle ist typisch für die ersten
Jahrhunderte des Mittelalters (vgl. Viollet-
le-Duc a. a. O. S. 424).

Die Intentionen des Königs hat der
Architekt wunderbar dnrchzuführen ver-
standen ; das ganze Bauwerk ist in der
That eine kostbar gemeißelte Kassette ans
Stein, um die heiligen Reliquien aufzu-
nehmen, ein Juwel der Architektur, ein
Wunderwerk (ly.. Gonse nennt es 1a mer-
veille la plus dclicement precieuse de
l’art gothique) schon seiner Verhält-
nisse wegen, welche immer als die voll-
kommensten galten, die das Mittelalter je
geschaffen hat, gerade so wie das Pan-
thenou die Palme über alle anderen Ge-
bäude des Alterthums davonträgt (vgl.
Georges Riat, les villes d’Arts celebres,
Paris p. 44). Die Länge der Kapelle
beträgt 35, die Breite l 7 und die Höhe
bis zum First 42,5 m; die Spitze des
zierlichen Thurmes ragt noch weitere
ca. 25 m empor. Ob die Kapelle von
Anfang an einen Thurm besessen, erscheint

sehr fraglich. Das A e nß e r e (Abbildg. 1)
ist reich gehalten/ die Strebepfeiler strecken
ihre Spitzsäulen, die Fenster vielleicht zum
ersten Mal ihre Spitzgiebel in die Luft,
auch der Treppcnbau, welcher vom Boden
zu einer Vorhalle und in das Innere
der Oberkirche führt, dient dem Ganzen
zur Zierde. Leider sind die Skulpturen
des Aenßeren theiliveise verloren, thcil-
weise verstümmelt; im Giebel der unteren
Kirche soll der Tod Mariä dargestellt ge-
wesen sein (vgl. Riat a. a. O. S. 42) und
am Pfeiler eine Muttergottes gestanden
haben, die den Kopf gesenkt haben soll zum
Zeichen, daß sie die um 1304 von Dnns
Scol gepredigte Lehre von der unbefleckten
Empfängnis gutheiße. Die Sachen werden
immer noch ausgebessert und erneuert; so
sind darüber jetzt das jüngste Gericht und
der segnende Christus, sonne ringsum
Szenen aus bcm Alten Testament wieder
in geordnetem Zustand. Auch die große
Fensterrose ist aus ihren Verstümmeluilgen
hübsch erneuert hervorgegangen.

Wir betrachten das Innere des Bau-
werks. Mit Recht sagt Viollet-le-Dne,
daß man beim Durchwandern der heiligen
Kapelle es schwer begreiflich finde, wie
diese Arbeit angesichts der Menge und
Verschiedenheit des Details, der Reinheit
der Ausführung, des Reichthums der Or-
namentik und der Schönheit des Mate-
rials in einem Zeitraum von nur fünf
Jahren ferliggestellt werden konnte (1248
vollendet).') Und doch wird an dieser
annalistischen Notiz nicht zu zweifeln sein;
denn die Art der Konstruktion unb Orna-
mentatiou gehört unstreitig in diese Zeit
des 13. Jahrhunderts. Eine rasche un-
unterbrochene Fertigstellung beweist aber
vor allem die völlige Harmonie. Während
der Regierung des hl. Ludwig machte die
Architektur derartige Fortschritte, daß eine
Periode von so kurzer Zeit bereits merk-
liche Modifikationen einführen konnte. Ich
verweise znm Vergleich auf die mir wohl-
bekannte Kapelle der Abtei St. Germain-
des Pres (Viollet-Ie-Oue, Architecture
monastique Figur 15), deren schlimmer
Zustand leider immer noch einen Frevel
an der Kunst bedeutet. 1255 vollendet

*) Vsil. de Guilhermy, Fondation de la St.
Cb., S. (), ltnb Annales archdologiques pur
Oidron aine a. a. D.
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