Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

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pro sculptore sigillorum Cesnris.» ') Volt Brüssel
in Brabant schrieb am 2. Mai 1522 Kaiser Karl V.
au Bürgermeister und Rath z» Aachen: sein
Siegelschneider Hans v. R e u t h l i n g e n sei vor
einiger Zeit, als er in des Kaisers Auftrag aus
den Niederlanden nach Aachen gereist feie, zwi-
schen dieser Stadt und Maastricht beraubt und
ihm 100 Philippsgulden abgenonnnen worden.
Dein öffentlichen Mandat des Kaisers, den Raub
zurückzugeben, sei bisher keine Folge geleistet
worden. Dagegen habe der Siegelschneider in
Erfahrung gebracht, das; ein Bürger von den
Räuber» wisse. Sie möchten diesen Bürger vor-
lnden und ihn dazu bewegen, auszusagen, wer
die Räuber seien und was er von ihnen wisse,
und dies dein genannten Siegelgraber mit-
theilcn, damit er gegen die Räuber gerichtlich
Vorgehen könne.a) Im Jahre 1522 prozessirte
Johann v. R c u t I i n g e n, Goldschmied zu Aachen,
gegen den Bürger Johann Grevenberg wegen
Uebergabe eines vom Verklagten gekauften Hauses
in Aachen, geiinniit zum grünen Schild.s)

Von Meister Hans (Prun) v. Rritlingen
haben sich mehrere Werke erhalte».

>. Evangelienbuchdeckel in der Schatzkammer
des Kaiserhauses in Wien.

2. Vergoldetes Reliquiar mit Kreuzpartikel
mit Agnus Dei, hoch 40 Centimeter, im Münster
zu Aachen.

3. Eine vergoldete Statue des Apostels Paulus
auf sechscckigein Sockel, hoch 72,5 Centimeter,
ebendaselbst.

-t. Vergoldete Monstranz, angeblich GeschenkKni-
ser Karls V., 59,5 Centimeter hoch, ebendaselbst.

5. Ein Siegelstempel, ebendaselbst.

6. Vergoldeter Kelchfuß, der ein modernes
Ciborium tragt, 26 Centimeter hoch, im Besitz
von Leutnant Giebel in Baden-Baden.

In Dicutliugen werden auch nach I486 Gold-
schmiede genannt, so 1517 Epp der Goldschmid,4)
jedenfalls der 1489 vorkommende Hans Epp
oder dessen Sohii Simon. 1526 erscheint unter
den Zinsen; der lieben Frau und der Heiligen
Simon Eps, Golvschmied's Wittwe Anna?)
Ferner meldet Hofft etter in seiner Chronik
von Reutlingen S. 167:°) den 28. Dec. 1578
hat Daniel Mahler, Burger und Goldschmid
alhier einen Glückshafen lassen ausgehen, seind
darinnen 892 und etlicher Zedel gelegen. Der
Gewinnen aber seind 78 gewesen, uff 600 sl.
Werth ohngefehrlich angeschlagen. Das Bost ist
gewesen ein Credenzgeschirr usf 74 fl. werth, das

') Ebenda Nr. 2969. Regest aus der Reichs-
rcgistratur Karls V., Band III, Bl. 11151 ■; Negi-
straturbuch Kaiser Karls V. im k. u. k. Haus-,
Hof- und Staatsarchiv VII I (3), f. 20 und II3.
Jahrbuch der k. k. heraldischen Gesellschaft Adler.
Wien 1882. IX. S. 46.

2) Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlung
des allerhöchsten Kaiserhauses III (1885), Nr. 2971;
Reichsregistratur Karls V., Band III, Bl. 187.

8) Ebendaselbst Nr. 2134. Zeitschrift des
Aachener Geschichtsvereins 20, 1898, S. 90.

4) Garster I, S. 606.

■r>) Kirchenpflegearchiv in Reutlingen.

°) Handschrift der königlichen Landesbiblio-
thek in Stuttgart.

ander Best ein Dolch für 40 sl., das dritt ein
hoher Becher für 80 fl., das viert ein silbern
Känllein uff 26 fl. angeschlagen. Und als viel
ein Geivinn herausgehoben rvorden, so vfft seind
kleine Knaben uff töstlichst mit Kleinoden angc-
than und mit schönen, seidenen Fahnen mitge-
gangen und umbs Rnthshnnß gezogen und das
Gewinn aufs das Rathshauß getragen. Bolgends
ist einem jeden Knaben ein Weynachtküchlein für
36 Pfenning zum Gedächtnis gegeben worden.
Man ist 3 Tag damit umgangen, biß er gar
nußgangen ist. Das erst Best hat Jacob Sal-
ben des; Mahlers Kind gewonnen. Es waren
dazu verordnet Herr Lorenz Ziser, Stattschrei-
bcr und Herr Georg Becht, Bürgermeister. Ist
redlich ohne Falsch alls zugangcn. Der Spittal
hat das Best geknufft.

Diese Geschichte ßemeift, zu welchen Mitteln
(Lotto!) die Goldschmiede greifen mußten, nnch-
dein sie nicht inehr für die Kirche Geräthe in so
reicher Zahl liefern durften und konnten.

Es erscheint noch ein späterer Goldschmied in
Reutlingen, Ludwig Ditzinger, ivohl ein Ver-
wandter von Johannes D i tz i n g e r, welcher 1659
Goldschmied in Rottenburg a. N. ivar. .Dein
Ludivig Di tz i n g e r, Goldschinied, brannte den
16. Noveiiiber 1593 sein Haus in Reutlingen
ab.') Dieser Brand war Anlaß, daß die Stadt
Reutlingen ihm eine» Auftrag ertheilte. Die
Stadt Tübingen hatte eifrig beim Löscheil ge-
holfen und war ein Tübinger dabei um's Leben
gekommen. Dankbar ließ die Stadt Reutlingen
einen durch den Goldschmied Ludwig Ditzinger
verfertigten Pokal als Geschenk für Tübingen an-
fertigen; er trägt die Inschrift:

Aiif Erden ist kein besser Kleinod
als friedsam, einig Nachpar seind.

Solchs Neutlinge newlich hat erfnrn
In Fenrs Niot, ivie auch Tubinge vor Jarn.
Zum Dank und Denken Neutlinge hat
den Becher geschenkt Tubinge der Statt.

1594. L. U.

Dieser Pokal befindet sich noch auf dem Nath-
hanse zu Tübingen.

Sonst wird Ludivig Ditzinger, da die Auf-
träge für Kirchen fehlten, wohl selten Gelegenheit
gehabt haben, seine Kunst als Goldschmied zu
entfalten. Er ivandte sich dcßhalb der Zeichen-
kunst zu, verfertigte ein Bild Martin Luthers
und 1620 eine Abbildung von Reutlingen, die
seinen Namen als „Burger und Goldschmid" trägt.
Sein Vater war vermuthlich Marx Ditzinger,
ivohl auch Goldschmied. Denn am 26. Brachmonat
1557 bekannte Ludwig jung Mü elich, vor vielen
Jahren auf einem Sonntag den Marx D i tz i n g e r
einen goldenen Becher gestohlen zu haben.2 * 4)

Ludwig Ditzinger und Martin Mahler
worden wohl meist Kunstwerke für profane Zwecke
geliefert haben. Aber bald gab es auch hiefür
keine Abnehmer mehr. Die Kriegsnoth zwang
auch die Werke profaner Goldschmiedkunst zu ver-
kaufen oder zu versetzen, oder einschmelzen zu
lassen, nachdem der Bildersturm die der kirch-
lichen Kunst bereits größtentheils vernichtet hatte.
Hosstetter in seiner Chronik S. 281 meldet: Mit-

') Hosstetter, Chronik von Reutlingen S. 205.
2) Stadtarchiv Reutlingen.
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