Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

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religiösem Ausdruck, bereit Gewänder aber
in parallel laufende Falten gelegt sind.
Vielmehr vollenden die Werke der St. (5ha-
pelle die Plastik der Kathedralen von
Amiens, Reims und Paris, die sich be-
reits bei immerhin noch schlanken Ab-
messungen zur höchsten Kraft des geistigen
Ausdrucks erheben. Allerdings wird man
sich z. B. über den plastischen Portal-
schmuck der Notre-Dame eines Urtheils
enthalten müssen wegen der starken Er-
gänzungen und Ueberarbeitnngen. Aber
am Mittelpfeiler des nördlichen Krenz-
fchiffes findet sich schon eine der schönsten
Madouneustatuen, schlank, sein und graziös,
die den Stempel der St. Chapelleschen
Bleisterwerke unverkennbar au sich tragt.
Wie leicht ist hier der Faltenwurf des
Mantels, der unter dem rechten Arm em-
porgezogen und festgehalten wird — ein
in der damaligen Kunst sehr beliebtes
Motiv, das eine prächtige Entwicklung der
Draperie gewährt (vgl. Lübke, Geschichte
der Plastik II. Bd. S. 458); der Kopf
zeichnet sich durch das feine typische Lä-
cheln ans.

So findet sich auch der entwickelte Stil
in den Apostelgestalten der St. Eyapelle.
Bemalt und mit Glasflüssen wie mit
Edelsteinen besetzt, wachsen sie ans den
Manerpfeilern heraus und verwirklichen
in hervorragender Weise die kühne Idee
des Baumeisters, die zwölf steinernen Ein-
meihnngskrenze von ihnen tragen zu lassen,
welche die Säulen der Kirche bilden. Jeder
Anklang an die Herbheit des früheren Stils
ist bei ihnen verschwunden, der Ausdruck
kirchlicher Würde ist mit weltlicher Anmnth
verschmolzen, und zum ersten Mal tritt
hier jene Vorliebe des neuen Stils (vgl.
Lübke, Geschichte der Plastik S. 456) zu
Tage, durch das Einziehen der einen Seite
des Körpers den Gestalten den leichten
Schwung der Bewegung zu geben, weit
entfernt von der lleberliefernng und der
konventionellen Haltung des 14. Jahr-
hunderts. Leider hatten auch sie unter
dem Vandalismus der Bilderstürmer zu
leiden, so daß nur sechs im Ganzen anthen-
tisch sind.

Die Arkatnr darunter, welche den
Fuß der Wand unter den Fenstern be-
kleidet, ist vielleicht die schönste und reichste,
die jemals ansgeführt wurde (vgl.

' Schnaase a. a. O. S. 100 f.). Sie ist
ein Gesimse, mit herrlichen Blumenkränzen
geschmückt, ans denen Engelsgestalten her-
vorsehen.

So ist keine Stelle des Innern ohne
Belebung und anmnthigen Schmuck ge-
blieben ; das Ganze ist ein Juwel gothi-
scher Kunst, eine Wonne für den Kunst-
verständigen, eine Quelle reichster Beleh-
rung für den Künstler. Und was speziell
uns Deutschen diese Kunst so sympathisch
macht, das ist der Eindruck, den auch
Kngler in einer Note hervorhebt (Hand-
buch der Kunstgeschichte S. 557), daß im
Aenßeren wie im Inneren die Behand-
lnng dem mehr harmonischen Stil der
deutsch-germanischen Architektur auffallend
nahe steht, obgieich auch hier noch in der
Detaiibildnng Strenge und Einfachheit
entschieden sichtbar bleiben.

Lin mittelalterliches Ctboriiim.

MitgetheiltvonStadtpf.vr. Rohr in Geislingen.

Die Gemeinde N e i ch e n b a ch bei D e g-
gingen besitzt ein gothisches Ciborinm,
das nach mehr als einer Seite hin merk-
würdig ist und weiteren Kreisen bekannt
gemacht zu werden verdient, lieber seine
Herkunft konnte bisher nichts Bestimmtes
ermittelt werden, als daß es ans dem
Chorherrenstift in Wiesensteig stammt.
Ein Anhaltspunkt für die Datirnng ist
die Konstruktion. Sie weist uns in die
Blüthezeit des gothischen Stils nnb zeigt
ein Ebenmaß der Formen und eine An-
mnth der Ornamente, die nachgeahmt zu
werden verdienen. Der Fuß setzt kreis-
förmig an und verengert sich konisch bi*
zur eigentlichen thnrmartig gedachten, rein
eylindersörmig ansgeführten Pyxis. Der
kräftig entwickelte Nodns vermittelt den
-Uebergang zu derselben und der in einem
Scharnier laufende, nach oben sich rasch
verjüngende und in einem Kreuz endigende
Deckel bildet einen gefälligen Abschluß.
Sein Ornament ist das gleiche wie am
Fuß. Auch der Nodns ist reich gegliedert
und in allen größeren Flächentheilen durch
stilgerechte Ornamente belebt. Glücklich
vermeidet er den Fehler, dem moderne,
gothisch gehaltene Kelche manchmal ver-
fallen: er hat keine scharfen Ecken und
Kanten, an denen man sich reißen kann,
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