Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

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Flecke», der Stern Jakob's, der Brunne»
lebendigen Wassers, die Stadt Gottes, die
Pforte des Himmels, der Zweig Jesse's,
die Sonne, der Mond, die versiegelte
Quelle, der verschlossene Garten n. dgl.
So findet man das Bild Mariens ans
den Chorstühlen der Kathedrale von Amiens
(1 L.Jahrh.), in den Flachreliefs der Kirchen
zu Bar-le-Dnc auib Fletre, ans dem Ge-
mälde einer Netable zil Sonvignp, auf
Fresken der Johanniskirche in Chaumont
». s. w. Der himmlische Pater erscheint
dabei in den Wolken und segnet Maria.

Ist nun diese Art und Weise, Maria
als Unbefleckte darznstellen, um die Zeit
des 16. Jahrhunderts allgemein üblich
gewesen? Wir müssen auf diese Frage
mit einem Nein antworten. Bor uns
liegt ein Konstanzer Benediktionale aus
dem Jahre 1597, welches auf der Rück-
seite des Titelblattes ein Marienbild aus-
weist. Die gekrönte Mutter nnt dem
Kinde ans der Atondsichel; uni sie herum
eine Gloriole und etwas weiter entfernt
ein großer Kranz — wohl aus stilisirten
fünfblättrigen Rosen, in den vier Ecken
des Bildes je ein Engelskopf. Oben:
Eant.Cant. 4. »Totapulchra amicamea«,
unten: »Et macula nen est in te«.

Offenbar haben wir es hier mit einem
Bilde der Immaculata zu thnn. Ein an-
deres Beispiel! Vor einem Jahre hatten
wir Gelegenheit, im Mutterhaus der
Kreuzschwestern in Straßburg und ebenso
auf einer Filiale desselben in Wangen,
in der bischöflichen Kapelle daselbst, eine
Madonna zu besichtigen, welche uns eigen-
artig anmuthete. Maria trägt das Kind
auf dem Arme; das Kind selbst hält ein
lai.iges Kreuz, dessen unterer Theil als
Lanze dient zur Durchbohrung des Kopfes
der höllischen Schlange, welche in den Fuß
der heiligen Jungfrau zu beißen scheint.
Wir waren über diese Darstellung einige
Zeit im Unklaren, bis wir die französische
Ikonographie von Clognet zur Hand
nahmen und erfuhren, daß cs sich hier
wohl um eine von Gregor XIII. geneh-
migte Aachbildung handle von jener Statue,
welche Paul V. im Anfänge des l 7. Jahr-
hunderts zu Ehren der unbefleckten Em-
pfängnis; vor der Basilika Maria Maggiore
hatte errichten lassen, und welche sich noch
dort befinden solle.

Wir treffen also in der Zeit, wo der
Glaube an die unbefleckte Empfängnis;
schon tiefe Wurzel» geschlagen hat, immer
noch Bilder der Unbefleckten mit dem
Jesuskinde, um dessentwille» die Mutter
vor der Erbsünde'bewahrt werden mußte
und bewahrt wurde. Auch heute noch fehlt
es nicht an Jkonographen, welche diese
Art der Darstellung der unbefleckten Em-
pfängniß vertheidigen; so soll sie nach
Clognet auch Cahier in seinen »Caracte-
ristiques des saints« mit viel Bered-
samkeit befürworten. Im Mariä - Em-
pfängniß-Dom zu Linz thront Maria mit
dem Kinde, welches mit de»; Kreuzesstab
der Schlange de» Kopf zerdrückt, auf de»;
Baldachin des Hochaltars. Weiter können
wir mittheilen, daß in dein im Jahre 1886
in Augsburg herausgegebenen Gebetbuche:
„Die Himmelsstraß" auf dem letzten Blatt
Maria als Unbefleckte mit de»; Kinde dar-
gestellt ist, wobei die septem capita und
septem diademata des großen Drachen
das Interesse noch besonders in Anspruch
nehmen. (GeheimeOffenbarnug, Kapitel 12,
Vers 3.) Allein es scheint doch,
d a ß s ch o n frühzeitig der T p p u S
der Immaculata mit dem; Kinde
mehr und mehr in den Hinter-
g r u n d t r a t u n d j e n e r T y p u S, n> e l-
cher Ataria ohne das Kind zeigt,
von den Künstlern bevor;ngt und
w e i t e r ent n> i ck e l t wurde — t h e i l-
iv eise i m H i n b l i ck a u f K a p i t e l 1 2,
Vers 1 der geheimen Offenba-
rung.

Maria hat ihren mütterlichen Charakter
abgestreift, sie steht da als das süßeste
Geheimnis; der Schöpfung, als ein Wun-
derwerk göttlicher Macht und Liebe, als
diejenige, von welcher gesagt ist: „Maria
hat mit der Wolke des Fleisches die Sonne
des Himmels umkleidet, dafür kleidet die
Sonne des Himmels sie mit dem Voll-
glanz ihrer eigenen Schönheit."

In dieser Richtung war besonders Mu-
rillo thätig,welcher in seinen „Eonceptionen"
seine höchste Größe als Madonncnmaler
erreichte. Berühmt ist seine Immaculata
im Louvre zu Paris, deren Züge jene
selige Wonne nusdrücken, „wie sie nur der
empfinden kann, welcher rein und frei
auch von der »lindesten Schuld sich weiß;
sie strahlt ans den glänzenden Augen wie-
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