Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

Seite: 22
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gebient und gelebt und konnte noch sein
itO. Priesterjnbilänin ein halbes Jahr über-
leben. Unter der herrlichen Reihe markiger,
prachtvoller Gestalten im priesterlichen
Stande, welche 51t jener so unendlich be-
deutungsvollen, großen Zeit durch Gottes
Gnade unserer Diözese erwuchsen zu uner-
meßlichem Segen, war Friedrich Laib einer
der markantesten und ausgeprägtesten
Charaktere. Ein Wort übrigens genügt,
um diesen Charakter 51t zeichnen. Er war
durch und durch katholischer Priester und
wollte nichts Anderes sein als dies, aber
dies ganz und mit Hingabe der großen,
ganzen Summe des geistigen und morali-
schen Eigenthums, das sein Wesen bildete.
Das ist das Fundament, auf welchem auch
die Thätigkeit des Verstorbenen im Dienste
der kirchlichen Kunst sich anfbaute; das ist
auch der einzige Gesichtspunkt, unter welchem
diese Thätigkeit richtig gewerthet und er-
kannt wird.

Neben anderen — zum Theil noch kost-
bareren Gütern — lag auch die kirchliche
Kunst bis zum Beginn der zweiten Hälfte
des letzten Jahrhunderts „schlummernd be-
graben unter der Decke des Josephinismus
und Staatsbureaukratismns". Wie es im
Einzelnen stand in den Kirchen und Sakri-
steien der Diözese, und zwar durch alle
Rubriken, mit den heiligen Gefäßen und
Paramenten zum Gottesdienst, mit den
Altären und Tabernakeln, mit den Altar-
gewändern und der Leinwand, mit dem
Gesang beim Amt und in den Andachten,
m't Kirchenbauten und -Restaurationen
mit der Behandlung alter, herrlicher Kunst-
werke u. s.w. n. s. w. — das kann hier nicht
weiter ausgeführt werden; wer sich darüber
näher informiren will, der lese die Schil- >
dernngen dieser Zustände in den ersten ^
Publikationen des jungen Vereins, im
„Kirchenschmuck", ferner auch in der da-
maligen neuerstandenen katholischen Presse,
im „Kirchlichen Wochenblatt", im „Deut-
schen Volksblatt" n. s. w. nach; der
studiere vor allein die Akten — sie sind
hoffentlich noch alle vorhanden — des Diö-
zesankunstvereinsausschttsses von jener Zeit:
es sind erschütternde Lamentationen über
die Verödung Sions im Renen Bunde,
wie sie kaum klagender und anklagender
lauten könnten. Die Ehre Gottes und
Seines Dienstes forderte mächtig hier Ab- !

? Hilfe, Sühne und Umkehr. Hub die beiden
Missionäre auch ans diesem Gebiete waren
Laib und Schwarz. Das opus restau-
randi decoris eccle.siae war ihr Unter-
nehmen ; mit Aufbietung aller Kräfte haben
sie daran in der selbstlosesten Weise gear-
, beitet und haben auch einen vollständigen
Nnlschwung auf diesem Gebiete herbeige-
führt, womit freilich durchaus nicht gesagt
sein soll, daß das Werk jetzt vollendet, noch
daß alles, was in guter Absicht geschah,
auch wirklich gelungen ist. Wenn wir
unter den beiden Bahnbrechern für die
Wiedereinführung und Belebung wahrer
kirchlicher Kunst in unserer Diözese Laib
in erster Linie nennen, so geschieht das
nicht blos deßhalb, weil er der Aeltere
war, sondern namentlich darum, weil er
ganz energisch die praktische Seite vertrat,
wobei ihm sein großes zeichnerisches Talent
besonders zu statten kam.

Drei Mittel waren es, mittelst welchen
der Zweck zu erreichen gestrebt wurde: die
Organisation eines eigenen Vereins, die
Gründung eines eigenen Organs und die
spezielle Beratung und Hilfe bei Kirchen-
restaurationen aller Art von Fall zu Fall.

DerKunstverein wurde in mehreren
freien Konferenzen 1851 und 1852 vor-
bereitet (vergl. die betreffenden Jahrgänge
des „Deutschen Volksblatts"), und am
23. Juni zu Geislingen beschlossen und
errichtet. Wer die Art des f Nestors
des Vereins gekannt hat, der kann sich
wohl vorstellen, mit welcher Unzweideutig-
keit er die schärfsten Schlaglichter ans die
bestehenden Mißstände und Uebelstände im
I Gebiet der kirchlichen Kunst warf, mit
1 welch' unbarmherziger und unwidersteh-
licher Gründlichkeit und Konsequenz er sie
geißelte, und mit welch' flanunendem Eifer
er den Anbruch der Zeit proklamierte,
wo das Heiligthuin von der verweltlichten
und verblödeten Kunst gereinigt und wür-
diger Ersatz dafür geleistet werden müsse.

Der -ß Prälat Schwarz war geiviß des
Wortes mächtig wie Wenige, aber in diesem
Punkte war ihm Laib zweifellos weit über-
legen, dessen unübertroffene Kunst, ebenso
vernichtende als originelle und geistvolle
Kritik an allem kirchlich und künstlerisch
Charakterwidrigen zu üben, sich mit einer
geradezu glühenden persönlichen Theilnahme
verband. Nachdem die Statuten des Ver-
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