Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

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ü b e.r haUp t. Und das war die leben-
dige Seele des Vereins, das die überreiche
Quelle, aus welcher zum Segen für die
wahre kirchliche Kunst, zur Ehre Gottes und
zur Erbauung des katholischen Volkes tau-
sendfach geschöpft worden ist und gewiß noch
lange geschöpft werden wird. 27 Bände
umfaßt das ganze Werk mit 324 Muster-
tafeln und Farbendrucken, „mit ihren Vor-
schriften und Vorlagen für das Große und
das Kleinste, von Kirchenbau und Altar
bis herab zur Ministrantenglocke und zum
Ciugulum". 14 Jahre lang hat Laib
zusammen mit Schwarz fast allein die
Hitze und Last dieser Arbeiten getragen; es
waren Jahre der höchsten Anspannung
aller geistigen und physischen Kräfte, aber
auch eines Erfolges — nicht materieller,
sondern idealer und moralischer Art, wel-
cher seinem Namen eine bleibende Aukto-
rität gesichert hat. Das katholische Schwa-
ben hat volles Recht, stolz zu sein auf
den „Kirchenschmuck" und feinen Verfasser,
und wenn es überhaupt unsere Sache wäre,
für Denkmale zu schwärmen, so würden
nur dafür eintreten, daß den beiden Heroen
in der Wiedereinführung der wahren christ-
lichen .Siimft in der Diözese Rottenburg auch
ein gemeinsames Denkmal in irgend einer
Form gesetzt würde.

Das dritte Mittel der Eimvirkung auf
die Oeffentlichkeit in diesem Punkte war
das persönliche Eingreifen von
Fall zu Fall bei Kirchenrestaurationen n. s. m.
lind auch hier hat Laib vieles gewirkt,
viel mehr, als man weiß — er selbst
würde wohl am meisten gestaunt haben,
wenn er die ganze Summe dieser Ar-
beiten zusammengehäuft geschaut hätte.
Hier vor allem kam ihm seine Fertigkeit
im Zeichnen und Entwerfen zu gute. Zahl-
los sind die Skizzen und Entwürfe, die
Kopieen der Alten und die praktischen
Beispiele und Citate, mit welchen er eiu-
greifen konnte. Aus dem reichen Felde
dieser Thätigkeit sollen nur einige, beson-
ders monumentale Punkte hier erwähnt
iverden. Gleich mit dem Entstehen des
Vereins wurde ein Werk in Angriff ge-
nommen, welches das allgemeine freudige
Aufsehen äller Kunstkreise des Landes er-
regte: die Stadtpfarrkirche zu Gmünd,
das größte katholische Gotteshaus des
Landes in hoch- und fpätgothischem Stil

j (Hallenkirche), wurde zunächst innen archi-
tektonisch und dann in der Ausstattung
durch Altäre, dann aber auch außen voll-
ständig einer gründlichen Renovation unter-
zogen; der Chor der Kirche mit dem.Ka-
pellenkranz erstand wieder neu in schim-
mernder Pracht und Schönheit; die für
Glasmalerei wie geschaffenen Riesenfenster
sollten des Schruucks nicht länger entbeh-
ren; ganz Gmünd sammelte und steuerte
bei zu dem großartigen Werke; die Ar-
beiter der einzelnen Fabriken z. V. ließen
sich wöchentlich vom Lohn etwas.abziehen,
nur dann ein eigenes Fenster stiften zu
können u. s. >v. In es wurde sogar ernst-
lich der Plan eines Thurinbaues zu der
seit 1497 thurmlosen Kirche erwogen!
Diesem einen Werk, welches allerdings bis
zu seiner Vollendung noch Jahrzehnte
brauchte, folgte in kurzer Frist ein zweites,
gleichfalls in Gmünd: die Veranstaltung
der erstmaligen Ausstellung alter
k i r ch l i ch e r K u n st w e r k e in Malerei
und Skulptur, in Metallarbeiten und Pa-
ramenten u. s. w. in dem städtischen, alter-
thümlichen und darum besonders geeig-
neten großen Gebäude, der „Schmalz-
grube". Bei diesem Anlaß gab es nicht
nur Gelegenheit, eine große Reihe von
stilgerechten und mustergiltigen Stücken
des alten gothischen Knnsthaudiverks, be-
sonders auch aus dem Gebiete der Edel-
metallkunst, zu sehen und daran zu lernen;
es war diese Ausstellung, welche mehrere
Monate umfaßte, auch ein ständiges Ren-
dezvous der katholischen Künstler- und
Kunstfreundkreise des Landes und zugleich
eine mächtige Propaganda für den Verein
selbst. Mit Pfarrer Schwarz hat sich
Pfarrer Laib in die Arbeiten und Mühen
dieser Ausstellung getheilt. (Hier aber soll
die Frage eingeflochten sein: wäre eine
ähnliche Ausstellung aller Kunstwerke lirch-
licher Art nicht wieder einmal möglich?)

Nach einigen Jahren folgten die beiden
ersten katholischen Kirchenbauten in der
Diaspora seit dem Bestehen der Diözese,
nämlich zu Geislingen und Göppin-
gen. Das ivaren Angesichts der dama-
ligen Verhältnisse und Zustände sehr kühne
Wagnisse; weder von Seiten der Staats-
kirchenbehörde, noch des Staates selbst
wurde auch nur ein Pfennig dazu be-
willigt; hätten die beiden Männer die
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