Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

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vorzusühreii. Selbst unter denen aber,
die mehr auf den sittlichen Gehalt des
Gleichnisses einzugehen bestrebt waren, reicht,
wie gesagt, keiner auch nur entfernt an
Dürers Kraft und Diese heran.

Dürers Lieblingsheiliger ist der hl. Hie-
ra ny»ins. Dieser größte Gelehrte seiner
Zeit, dessen Leben in der Wissenschaft, int
Forschen nach Wahrheit anfging, dessen
gewaltiger Geist die Irrlehren der Zeit
schonungslos niederwarf, und dem bei aller
Strenge gegen sich selbst auch draußen in
der Einöde ein unaufhörlicher Kampf wider
seine glühende Sinnlichkeit nicht erspart
blieb, er war so recht eine Natur, der
sich Dürer innerlich verwandt fühlte.
Keinen Heiligen hat er darum öfter dar-
gestellt, als diesen gewaltigen Kämpen des
Geistes, und keinem hat er so viel von
seinem Eigensten, von seinem Forschen und
Grübeln nach Wahrheit, von seinen Seelen-
kämpfen mitgetheilt, als der Gestalt dieses
Heiligen.

Zunächst ist hier zu erwähnen der be-
kannte Kupferstich des büßenden hei-
ligen Hierouy m u s. Der Heilige kniet
vor einem Kruzifix, das er vor sich in
den Felsen gesteckt und zerschlägt sich mit
einem Stein die nackte Brust. Seine
Gesichtszüge sind wenig sympathisch,
immerhin spricht aus ihnen in schöner
Weise die Bußfrendigkeit im Hinblick auf
das Leiden Jesu.

Technisch von unübertroffener Feinheit
ist „Der hl. Hieronymus am Wei-
denbaum", ein mit der Nadel geritztes
Blatt, für das seiner delikaten Ausfüh-
rung und noch mehr seiner großen Sel-
tenheit halber ganz horrende Summen
(wenn wir uns recht erinnern, bis zu
ca. 20 000 M.) im Kunsthandel bezahlt
werden.

Wir sehen den Heiligen neben einem
knorrigen Weidenbaum vor einem zerris-
senen Felsen sitzen. Auf dem eigenartigen
Studiertisch, den er sich in der Wildniß
zugerichtet: einem Brett, das über zwei
Felsblöcken liegt, ist ein offenes Buch auf-
geschlagen. Es ist zweifellos die heilige
Schrift, in der Hieronymus eben noch ge-
lesen und geforscht hat. Lange hat er
über einer dunkeln Stelle gegrübelt, immer
tiefer gegraben -- da auf einmal sprudelt
ihm ein lebendiger Quell klaren inneren

Lichtes entgegen, längst hastet sein Blick
nicht mehr am todten Buchstaben, er schweift
wie träumend hinaus in den lichten Him-'
mel, die Gedanken, die er aus dem hei-
ligen Buche geschöpft, sie arbeiten gewaltig
hinter der mächtigen Stirn, ergreifen und
erfüllen das ganze Herz. Und unwillkür-
lich haben seine Hände sich anbetend ge-
faltet : »O altitudo divitiarum sapientiae
et scientiae dei!«

(Schluß folgt.)

Die Lilie bei dem Meltrichter.

Von Pfarrer Reiter.

Auf den Bildern des Weltgerichts kann
man gar oft bei dem Richter ein Schwert
und eine Lilie angebracht finden. Elfteres
ist das zweischneidige Schwert der gehei-
men Offenbarung, wo es in Kapitel l,
Vers 10 heißt: „Und er hatte in seiner
Rechten sieben Sterne, und aus seinem
Munde ging ein zweischneidig Schwert".
Aehnlich lesen wir im 10. Kapitel, Vers 15:
„Und aus seinem Munde gehet aus ein
scharfes Schwert, damit er ȟt demselben
schlage die Völker".

Hiernach wäre das Schwert bet dem
Meltrichter wohl als Symbol der Gewalt
und der Strafe für die Verdammten anf-
zufassen, weßhalb es meistens auf der
linken Seite erscheint, die auch die Schwert-,
feite genannt wird. Wie verhält es sich
nun aber mit der Lilie, welche wir auf
der rechten Seite erblicken, die man biß-
weilen Lilienseite heißt?

Unsere heilige Kirche bedient sich mit
Vorliebe des Schmuckes und der Schön-
heit d<>r Lilie, um das Tngendleben und
die Verdienste der Heiligen zu feiern.
„Deine Heiligen, o Herr, werden blühen
wie die Lilie, Alleluja, sie werden wie
Balsamdnft vor Dir sein" — singt sie in
den Tagzeiten der Apostel zur Osterzeit.
Aehnlich singt sie das Leben der Mar-
tyrer und Bekenner während des ganzen
Jahres. In dem schönen Lobgesang zu
Ehren der heiligen Jungfrauen „Jesu
eorona virginum“ wird der Herr geprie-
sen wandelnd unter Lilien — rings um
ihn der Jnngsrau'n Chor. Diese Gedanken,
welche in der heiligen Schrift wurzeln,
mochten den Künstlern vorgeschwebt haben,
wenn sie, theilweise den Gesetzen der Sym-
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