Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

Seite: 38
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metrie folgend, auf den bekannten Bil-
dern zu dem zweischneidigen Schwerte noch
einen Zweig von Lilien hinzufügten. Ihre
Sprache ist leicht verständlich. Sie sagen
uns etwas vom Verdienen und vom Ver-
dienste, sie sagen uns etwas von der
Schönheit der Seele im Diesseits und
Jenseits, sie sagen uns etwas von A,if-
erstehung und Frühling und Geblühte, sie
verkündigen uns die Seligkeit der Seligen
bei der „Lilie der Lilien" („Notre Dame
des Lys“) und bei Demjenigen, von wel-
chem gesagt wird, daß in ihm und um
ihn alles Lilie sei.

Auf das Gleiche null es herauskommen,
wenn statt des Lilienzweigs dann und
wann ein Oliven- oder Palmzweig ge-
wählt ist, da ja auch die Palme und der
Olivenbannl als Bild des Gerechten in
der heiligen Schrift gefeiert werden. ,Ju-
stus ut palma florebit". Ps. 9l. 13.
„Ego autem sicut oliva fiuctifera in
domo Dei'1. Ps. 51. 10. „Eli sunt
duae olivae.“ Apok. 11. 4.

Auf den denkwürdigen romanischen
Skulpturen des Klosters Moissac sind Ver-
dammte angebracht, bei welchen sich um-
gekehrte, gesenkte Lilien befinden, was nach
Cloquet ans die verlorene Reinheit Hin-
weisen soll, aber eben deßhalb auch die
verlorene Glückseligkeit versinnbilden mag.

Der Zweig bei dem Schwerte des Rick-
ters bezieht sich zunächst auf die Seligen
und ihre Seligkeit. Kann aber der Li-
lienstengel nicht auch noch eine andere Be-
deutung haben?

Die Lilie stand schon bei den alten
heidnischen Völkern in hohen Ehren. Die
Griechen nannten sie die Himmelsblume
und zierten das Gewand ihres Obergottes
Zeus mit künstlichen Lilien. Bei den Rö-
mern war die Blume der Göttin Juno
heilig und zugleich wegen ihrer Aehnlich-
keit mit dem Königsscepter das Zeichen
der Weltherrschaft. Daher wurde sie auch
römischen Münzen ausgeprägt mit der
Inschrift: „Spes populi Romani“, d. h.
die Hoffnung, daß das römische Volk den
Erdkreis beherrschen werde. Unsere Vor-
fahren sollen dem Donnergott Donar den
Blitz oder Hammer in die Rechte und in
die Linke den majestätischen Lilienstab ge-
geben haben.

Wenn also hienach die Lilie nicht blos

Reinheit und Seligkeit symbolisirt, sondern
auch Herrschaft und Macht, dann sollte
es nicht unstatthaft sein, sie auch auf den
Weltenrichter zu beziehen unb als ein
Zeichen aufzufassen, welches seine Größe
nub seine Gewalt verkündigt. Bei dieser
Auffassung wäre die Lilie der rnajestas
judieis entblüht und könnte als Scepter
und zugleich als ein feierliches „dominare
in medio inimicorum tuorum“ gelten,
namentlich dann, wenn sie auf der linken
Seite abgebildet erscheint, wie das bei
dem Bilde der Kapelle in Bronnen, Pfar-
rei Neuler, OA. Ellwangen, der Fall ist.
Doch darf dieser letztere Umstand nicht zu
sehr betont werden, da ja auch das Schwert
nicht blos aus dein linken, sondern auch
aus dem rechten Mundwinkel hervorgeht
(Eßlinger Frauenkirche), während es an-
derwärts (Rottweiler Konviktskirche) hin-
ter bent Nacken des Richters quer herüber-
länft — seine Spitze nach links kehrend.
Ueberhaupt ist noch zu beachten, daß Schwert
! und Lilie nicht immer unmittelbar aus dem
j Munde hervorgehen, sondern öfters seit-
lich vom Haupte angebracht sind (Bron-
nen. Wimpfen, evangelische Kirche),
j Nach Menzel (Symbolik 11, 34) hat
; Christus als Richter bißweilen Lilie und
! Schwert in den An gen, und zwar im
j rechten Auge die Lilie, im linken das
! Schwert. So auf dem berühmten Bilde
in Danzig, deßgleichen auf dem des Roger
i von Brügge in Beanme, auf dem Bilde
i hinter dem Altäre im Ulmer Münster,
ans einem Bilde im Schloß Baldern und
ans einigen jüngsten Gerichten von A.
Dürer. Wie diese Eigenthümlichkeit zu er-
klären sei, wissen wir nicht; möglich, daß
damit auf die Allwissenheit Gottes an-
gespielt und gesagt werden soll: „Gott
schaut und kennt alle guten und alle bösen
Werke, und hat für die einen Lohn und
für die andern Strafe in Bereitschaft."

Literatur.

Al brecht Dürer. Sein Leben, Schaffen
und Glauben, geschildert von Dr. G. Au-
to u Weber, ordentlicher Professor am
.Kgl. Lyceum Negensbncg. Mit vielen Ab-
bildungen. Dritte, vermehrte und ver-
besserte Auflage. Negensburg, Rom, Neiv-
?)ork und Cincinnati. 1903. Druck und
Verlag von Friedrich Pustet. Preis M.
2.40; geb. in Leinwand M. 3.—>.
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