Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

Seite: 39
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Was an diesem Werke uns besonders be-
achtenswerth erscheint, ist die eingehende Abhand-
lung über Dürers G la u b e n s b e k e n n t n i ß,
ivelchem die ganze zweite Hälfte des Buches ge-
widinet ist. Eine ganze Reihe protestantischer
Autoren hat ja diese Frage seit Kugler — die
ersten Monographien über Dürer muhten nichts
von einer solchen Parteigängerschaft Luthers —
mit einem Feuereifer behandelt, als ob der ganze
Protestantismus von der Lösung derselben ab-
hängig wäre. Man hat Dürer den „Maler der
Reformation", den „evangelischsten aller Maler"
genannt, seine Bilder „sind der Stolz von ganz
Deutschland und der evangelischen Kirche", seiner
Apokalypse (von 1498) wird eine protestantische
Deutung unterlegt und selbst seine Passionsbilder
sollen von „echt protestantischem Geiste" zeugen.
Sein „Allerheiligenbild" ist (nach Springer) kein
Produkt eines Schrifttextes, einer biblischen Er-
zählung oder Legende, sondern „aus der Tiefe
des religiösen Geistes schwingt er sich zu einer
künstlerischen Vision empor". Als ob etwa Dürer
erst das Allerheiligenbild ersonnen hätte! Die
Kupferstiche, der „christliche Ritter" (oder „der
Reiter", wie ihn Dürer nennt), die „Melancho-
lie" und der „hl. Hieronymus" sollen „etwas
von dem Gewissenskampfe athmen, den das
deutsche Volk eben durchzumnchen sich aiischicke",
sie seien „eine Illustration zu den geistigen Strö-
mungen der Reformationsepoche", obwohl die
Blätter schon in den Jahren 1513 und 1514 ent-
standen sind. Die sogenannten vier Tempera-
mente (die Apostel Petrus, Paulus, Johannes
und der Evangelist Lukas) sollen „das erste und
zugleich größte Kunstwerk des Protestantismus"
sein. Damit diesen Phantasien aber auch die
Lächerlichkeit nicht fehle, erklärte schon Nettberg:
..Dürers Mnrienbi lder waren evangelische
Marien", und Thnusing macht zu dem Bl, te
der „Ruhe in Aegypten" im „Marienleben" die
geistreiche Bemerkung: „Ter Maler predigt da-
mit zuerst die neue Moral, die später Martin
Luther froh in sein Volk hinausrief: daß der
Ehestand „der fürnehmste Stand auf Erden" sei,
daß es keine lieblichere, freundlichere noch hoch-
seligere Gesellschaft gebe, denn eine gute Ehe".
Auch wollte man beim „Reiter" in der Anord-
nung des Hintergrundes, >vo eine Burg erscheint,
eine Anspielung auf das protestantische Kirchen-
lied: „Eine feste Burg ist unser Gott" erblicken,
und doch stammt dieser Stich schon aus dem
Jahre 1513. Mit all' diesen Phantasien und
Lächerlichkeiten räumt Weber in obigem Buche
gründlich auf.

Es ist über allem Zweifel erhaben und wird
jetzt mehr und mehr auch von den Gegnern zu-
gegeben, daß A. Dürer als Künstler die Lehren
der kirchlichen Tradition niemals verlassen hat.
Seine Kunst war durch und durch katholisch und
unter all' den Hunderten von Werken findet man
weder eine» Holzschnitt, noch einen Kupferstich,
noch ein Gemälde, daS etwa, wie Lukas Krannch
später getha», eine katholische Lehre, katholische
Gebräuche oder Personen, seien es Welt- oder
Ordensgeistliche oder gar den Papst, verspottet
hätte. In all' seinen Schöpfungen hat er für
die Sache Luthers und den Protestantismus auch
nicht ein einziges stichhaltiges Zengniß abgelegt.

! Die sogenannten vier Apostel, die am meisten
für den Protestantismus in Beschlag genominen
werden, können, wenn man sie ohne die In-
schriften betrachtet, nur mit Hilfe der Phantasie
i als unkatholisch ausgelegt werden. Daß sie aber
überhaupt keine Tendenzbilder sind, geht schon
daraus hervor, daß A. Dürer erst n a ch Voll-
endung der Bilder gemeinsam mit Ncudvrsfer
jene Stellen aus der hl. Schrift hingesetzt hat.
Mit gleichem Rechte wie für die lutherische könn-
ten sie auch für die katholische Gesinnung Dürers
Zeugniß geben. Selbst der Tübinger Universi-
tätsprofessor Lange muß („Grenzboten", 55
, (1896) 1, 277) gestehen: „Dürer hat bei weitem
die meisten seiner religiösen Bilder, Stiche und
Holzschnitte vor dem Auftreten Luthers geschaffen,
! und es wäre deßhalb ganz vergeblich, in ihnen
1 irgend einen Hinweis auf die Reformation oder
gar irgend eine Spur lutherischer Gesinnung er-
kennen zu wollen. Wenn das frühere prote-
stantische Forscher, wie Nettberg, Thausing, Lützow
und Andere doch zuweilen versucht haben, so ist
das uns ein Beweis, daß diese ganze Frage auch
, von protestantischer Seite nicht immer mit der
nöthigen Besonnenheit behandelt worden ist".
Weiter sagt Lange: „Zahlreiche Holzschnitte und
Kupferstiche Dürers und viele seiner Bilder sind
dem katholischen Marien- oder Heiligenkultus ge-
widmet. In streng katholischer Gläubigkeit schil-
dert er den Eustachius, den hl. Gregorius, Frau
i ziskus (n. s. w.) . . . . Durchaus katholisch sind
die beide» Apostelfürsten Petrus und Paulus
gedacht, die das Schweißtuch der Veronika halten,
durchaus katholisch der Büßer, der vor dem Altäre
kniet und sich den Rücken mit der Geißel schlägt".
Eine merkwürdige Logik ist es nun aber, wenn
derselbe Professor schreibt: „Daß Dürer gerade
in den letzten Jahren seines Lebens besonders
gern Apostel oder Evangelisten dargestellt
hat, erklärt sich natürlich nur aus seiner
und seiner Mitbürger evangelischen Geistes-
richtung während dieser Zeit („Grenzboten", 55,
1, 273). Als ob nicht schon vor Luther von
unzähligen Malern und Bildhauern die Apostel
und Evangelisten, man darf schon sagen tausend
und tausend Mal dnrgestellt worden sind! Das
grenzt nahe an die „evangelischen Marien" Rett-
bergS! Unerklärlich aber ist es uns, wenn
Lange in denselben „Grenzboten" (S. 277) weiter
sagt: „Ich habe immer die Meinung vertreten,
! daß Dürer als Künstler durchaus auf dem Boden
der katholischen Kirche gestanden habe."

Man sieht offenbar auf gegnerischer Seite —
wenn man es auch noch nicht voll eingestehen
ivill —, daß Dürer in seinem künstlerischen
Schaffen für den Protestantismus nicht in An-
spruch genommen werden kann und man sucht
deshalb wenigstens seine Person für die Neue-
rung Luthers zu retten; man sucht seine Person
vom Künstler zu trennen und erstere für die
lutherische Sache thätig sein zu lassen oder mit
anderen Worten, man sucht bei ihm zwischen
katholischer Kunst und lutherischer Gesinnung zu
unterscheiden. Das heißt aber doch dem große»
Nürnberger Meister einen schlimmen Charakter
beimessen! Gegen die Andichtung solcher be-
schimpfenden Charakterlosigkeit richten sich schon
die Worte Springers (Dürer, S. 136, 160):
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