Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

Seite: 42
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Wendung gefunden, deren Leichname die
Farbe, Biegsamkeit und Frische des Lebens
ans lange Zeit, manchmal sogar beständig
beibehielten, so muß dies hundertfach von dein
Leibe Desjenigen gelten, Dessen jungfräu-
liche Mutter mit Rücksicht auf ihre gnaden-
volle Sündelosigkeit nach dem allgemei-
nen Glauben seit den ältesten Zeiten der
Christenheit mit Leib und Seele aus dem
Grabe in den Himmel einging. Darf
und muß man annehmen, daß auch
in dieser Beziehung der Sohn nicht hinter
der Blatter zurücksteht, so komnck als wei-
teres Moment dazu, daß Christus absolut
sündelos war, und zwar von sich selber
aus, als der Inbegriff aller Heiligkeit,
so daß sein Leib wie seine ganze Mensch-
heit nie unter dem Banne sündlicher Ver-
derbnis stand. Dem entspricht ander-
seits die Folgerung, daß dieser heilige
Leib auch nicht einen Moment von der
Hand der schmutzigen und üblen Fäulnis
und Zersetzung berührt werden durfte,
sondern, wenn auch von Wunden gewalt-
sam und äußerlich zerrissen, in sich intakt,
rein und unverwest blieb. Voll uub ganz
aber muß das Wort des heiligen Geistes
nuf den Leib des Erlösers Anwendung fin-
den : „Du wirst Deinem Heiligen nicht zu
schauen geben die Verwesung", weil Jesus
Christus Gottmensch ist und weil mit
seiner Menschheit auch sein Leib an der
Gottheit partizipiert. Vergleiche hiezu
mich den Kommentar bei Loch und Reischl
zu Psalni 15, 10: „Jenes traurige Ge-
setz, gemäß welchem sterbliches „Fleisch"
im Grauen der Verwesung zu Staub
wird, hat, obgleich der Leib des Herrn
hingegeben worden in den Tod für uns,
an diesem keine Macht. Der Leichnam
des „Heiligen" der Heiligen erfährt nur
den Frieden, nicht aber die Schrecken
der Todesgruft". Man wird also nicht
unrecht haben, wenn man sagt: sogar die
Rücksicht auf das Dogma komme hier ins
Spiel und verneine die Zulässigkeit solch'
realistischer Behandlung des Leichnams des
toten Erlösers und Gottessohnes. Glaube
der Christenheit ist, daß mit dem Augen-
blick des Verscheidens Christi die Erlösung
vollendet — „es ist vollbracht" —,
der Sieg über Grab, Tod und Hölle er-
rungen ist, so daß von diesem Moment an
das Wort gilt: „Tod, ich will dein Tod

sein" und: „Tod, wo ist dein Stachel?"
Christus, aber unter bcm Gesetze der Ver-
wesung dargestellt nach seinem Tode, steht
nicht als Sieger über den Tod da, son-
dern als seine Beute und sein Opfer.
Deshalb ist es eine falsche und irregehende
künstlerische „Pietät", wenn der Leib

Christi mit den Farben und den Malen
der beginnenden Verwesung dargestellt
wird; deshalb ist es auch eine nicht richtig
fundierte Andacht, welche dies für beson-
ders geistvoll und ergreifend hält. Man
wird auch bei den alten Pieta- und ähn-
lichen Bildern den Leib Christi wohl zwar
mit Wunden und Striemen bedeckt sehen,
i im übrigen aber ist die Farbe des hei-
: ligen Leichnams wohl fast durchgehend ein
> fast schimmernd Helles Weiß, das förm-
lich auffällt; es soll dadurch einerseits die
Hingabe des Blutes bis ans den letzten
Tropfen*) und dann zweifellos die völlige
1 Intaktheit des Leichnams von dem natür-
lichen Zersetznngsprozeß symbolisiert wer-
den. Wo etwa an der Fassung von

Skulpturen aus der späteren Zeit sich
eine Realistik in dem gerügten Sinne
! zeigen sollte (wir kennen übrigens kein
solches Beispiel), da wäre das eben auch ein
Zeichen des Rückganges glaubensstarker und
glaubensreiner Beseelung des betr. Werkes.
Mögen sich also unsere Faßmaler auch hierin
an die Alten halten und sich vor einem
„Realismus" hüten, der auf den ersten
Anblick frappierend und vielleicht erschüt-
ternd wirken mag, bem aber keine er-
leuchtete Frömmigkeit zu Pate gestanden
ist. Daß der auf bem Schoße der Gottes-
mutter ruhende Christus tot ist, das glaubt
jeder Christ, der an die Kreuzigung und
den Lanzenstich, wie sie in den Evange-
lien berichtet sind, glaubt; dazu braucht
es nicht auch noch künstlicher äußerer
Mittel durch den Pinsel. Die Aufgabe
der Kunst, der Skulptur, wie der Malerei,
geht vielmehr dahin, dem Beschauer mög-
lichst nahezubringen das Bewußtsein: das
ist der heiligste, der reinste, der zarteste

*) Auch aus dem in dieser frommen An-
nahme liegenden Grunde wären die violetten
„Leichenflecken" am Leichnam Christi unange-
bracht; denn diese Flecken kommen zunächst her
von der mechanischen Senkung des an den be-
treffenden ^Stellen besonders reichlich vor-
handenen Blutes, wie die Medizin sagt.
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