Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

Seite: 43
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und vollkommenste Menschenleib, der völlig
unschuldige Leib des Sohnes Gottes und
des Sohnes der heiligsten Fran und Jung-
frau auf Erden, welcher für uns geopfert
worden ist; das ist der hochedle Leib,
welcher auch, nachdem die Seele aus ihm
geschieden ist, mit der Gottheit verbunden
bleibt und welchem darum Anbetung ge-
bührt. Daß diese Glaubensüberzeugung
die pietätvollste Behandlung und Dar-
stellung erfordert, die sich wieder darin
äußern muß, den heiligen Leib auch nach
dem Tod möglichst schön, möglichst ideal,
möglichst rein und intakt darznstellen,
das liegt auf der Hand, lind so haben
ihn eben die Meister des Mittelalters be-
handelt; so und nicht anders muß er auch
heute noch behandelt werden, das fordert
christliches Gefühl imb christlich frommer
Sinn. Darum — ein für allemal weg
mit Fäulnis- und Totenflecken, mit den
Farben der Verwesung vom Leichnam
Christi, wo solche bereits angebracht sind,
und zurück zur herkömmlichen, alten Fas-
sung! Der Leichnam Christi auf dem
Schoß der Mutter oder im Grabe ist das
reine, von aller Makel der Fäulnis un-
berührte, heilige mtb vollkommene Gefäß,
das schon bereit steht, die ans der Bor-
Hölle zurückkehrende Seele wieder aufzu-
nehmen und mit ihr vereinigt dann zu
erstehen als das Ideal des herrlichsten
und schönsten Menschenleibes, welcher in
Ewigkeit zur Rechten des Vaters zu thro-
nen berufen ist: das muß das künst-
lerische Leitmotiv auch für die Bemalung
dieses erhabenen Gegenstandes sein und
bleiben.

St. K. K.

(Ein Umschwung in der Mertnng
Kesoles.

Von Stadtpfarrer Dr. R o h r, Geislingen a. St.

Die Persönlichkeit ivie das künstlerische
Schaffen des Engels unter den Jüngern
des hl. Lukas ist mit einem eigentüm-
lichen Zauber umgeben. Er zählt nicht
zu den Titanen, die mit starker Hand
dem künstlerischen oder dein geistigen Leben
überhaupt völlig neue Bahnen wiesen.
Seine Persönlichkeit hat nichts Ueber-
wältigendes und ebendamit Unnahbares;
aber was vom hl. Franz von Assisi ge-

: sagt wurde, das gilt in ähnlichem Sinne
auch von ihm: er stiehlt sich in das Herz
hinein. Seine Kritiker müssen darum
weit auseinander gehen, je nachdem sie
ihn für sich nehmen oder mit seinen Be-
rnfsgenossen znsammenhalten, und es ist
begreiflich, daß die einen ihn bei aller
Achtung und Anerkennung für seine Liebens-
würdigkeit als „Gotiker" oder „Byzan-
tiner" fast bemitleiden, während andere
um der eigenartigen und gemütstiefen Innig-
keit seiner Werke willen ihm dennoch einen
Ehrenplatz unter seinen Zunftgenossen an-
weisen zu dürfen glauben. Darüber je-
doch war man lange Zeit so ziemlich einig,
daß man ihn als Nachzügler einer alt-
gewordenen Richtung, im besten Fall als
abgeschlossene Persönlichkeit für sich be-
trachten müsse. Ein Nachleben und Nach-
wirken in der Kunstentwicklung, ein Hin-
übergreifen in weitere Kreise und spätere
Zeiten wollte man ihm nicht zuerkenne».
Erst nach und nach dämmerte die Einsicht
auf, daß er dennoch zu den Neuerern
zähle, und zwar zu den großen, insofern
er erstmals den EmpfindnngsanSdruck der
Köpfe benutzte, um alle Nuancen und
Grade des Gefühls zur Darstellung zu
bringen. Ilnd wenn inan eine der i e-
deutsamsten Leistungen der Renaissance
in der Wiederentdeckung des menschlichen
Gemüts sieht, so wird man die Eroberung
desselben für das Gebiet der Kunst als
die Tat Fiesoles gelten lassen müssen.
Den Beweis hiefür erbracht und was an-
dere andeutungsweise aussprachen, oder
am einen oder anderen Bild nachwiesen,
als die Resultante eines Hauptabschnittes
im Lebenswerke des fra Angelico im ein-
zelnen dargetan zu haben, ist das Ver-
dienst Walter Rothes'. ) Und ein wei-
teres Verdienst Rothes ist der Nachweis,
daß zwischen Fiesole dem Menschen und
Fiesole dem Künstler nicht zu scheiden ist,

*) Die Darstellungen des Fra Giovanni An-
gelico aus dem Leben Christi und Maria, ein
Beitrag zur Ikonographie des Meisters, mit 12
Lichtdrucktafeln. (Heft 12 der Publikationen „Zur
Kunstgeschichte des Auslandes", Straßburg, Heitz
1902. M. 6.) Zur Orientierung über Fiesole
sei außer Beissels Monographie (Herder 1902i
noch genannt: M. C. Nieuwbarn, Leven en werken
van Fra Ang. rc. Fol. Leyden 1802, und die
bei Rothes genannte» Arbeiten von Supino,
Wingenroth, Bronssolle, Rnmohr,Dobbert, weitere
Literatur bei Beissel.
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