Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

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das; zwischen seinem Charakter und seiner
Kunst völlige Harmonie besteht, und das;
der Künstler wie der Mönch nicht bloß
einen kindlichen Glauben und eine schwär-
merische Liebe, sondern auch klar ausge-
prägte Ideen und liefe Gedanken hat,
Ideen und Gedanken von einer Eigenart,
wie sie bei keinem anderen wiederkehren.
Rothes deklariert ihn als Mystiker, aller-
dings mit Anführungszeichen, weil ihn;
die menschliche Gestalt nur von Bedeu-
tung ist als äußere Erscheinung innern
Lebens, weil ihn eine Liebe und Begeiste-
rung für die Natur erfüllt, die ihn dem
Dichter des Sonnenhymnus an die Seite
stellt, weil er bei jeder Gelegenheit die
Göttlichkeit Christi betont, endlich weil er
eine Marienanffassnng bekundet, die nur
ihm und sonst keinem andern eigen ist,
weil er die Schilderungen ihres Lebens
über das rein Menschliche hinaushebt und
mit einem überirdischen, visionären Zug
verklärt. Unter diesem Gesichtspunkt
unterwirft Rothes die Darstellungen in
San Marco einer einläßlichen Prüfung
und findet überall seine Voraussetzung be-
stätigt, daß das stimmungsvolle,
betrachtende Versenken in die
Geheimnisse des Christentums
Fiesoles Leitmotiv ist.

Charakteristisch für fra Angelico ist
schon die Betonung des Kerns der
Handlung gegenüber dem schmückenden
Beiwerke, das bei seinen Genossen ge-
wöhnlich eine keineswegs nebensächliche
Rolle spielt, dann und wann die Haupt-
Handlung geradezu zu überwuchern droht,
und jedenfalls die Aufmerksamkeit von ihr
ablenkt. So sind bei der „Vermählung"
in den Uffizien die Freier, die Trau-
zeugen und die Musikanten zwar nicht
weggeblieben, aber der Traunngsakt ist
so nachdrücklich betont durch Stellung in
Bild und Haltung der Beteiligten, daß
beim ersten Blick die volle Aufmerksam-
keit sich ihm zuwenden muß. Aehnlich
ist die Anbetung der heiligen drei Könige
in den Uffizien und noch mehr die in
San Marco gehalten. Ein zahlreiches
Gefolge ist mit den drei Weisen erschienen,
aber die Huldigung derselben tritt sofort
als das Hauptmoment hervor, and die
etwas kardiale Begrüßung eines der Kö-
nige durch einen biderben Handschlag des

hl. Joseph auf dem ersten der genannten
Werke ist so in den Hintergrund gerückt,
daß sie der Haupthandlnng keinen Ein-
trag tut. Roch einheitlicher ist die Kompo-
sition beim selben Vorgang auf dem un-
teren Teil des Religuiars von S. Marco.
— Eine Ausnahme scheint die Anbetung
in der für Cosimo de Medici reservierten
Zelle zu San Marco zu machen. Die
Anbetungsgruppe zählt sechs Personen,
das Gefolge mehr als ein Dutzend und
dazu noch die Pferde. Und doch verliert
der Künstler auch hier sein Ziel nicht ans
dem Auge. Das nahe Zusammenrücken
der Suite einerseits und die bequemere,
von einem Gedanken diktierte Zusammen-
ordnnng der heiligen Familie und der
Könige anderseits läßt nicht den geringsten
Zweifel darüber anfkommen, was im Bilde
und im Empfinden des Dichters die Haupt-
sache war und es auch für den Beschauer
sein soll. Und gerade dies Bild ist für
den genannten Zug bei Fiesole besonders
charakteristisch. Galt es doch, eine größere
Wandfläche zu bemalen in einer für einen
der Großen dieser Welt entsprechenden
und ansprechenden Weise. Die Gefahr war
also von selber gegeben, die Figuren zu
hänfen, sie zur Vermeidung der Einför-
migkeit in Interessengruppen zu zerlegen
und das Bild vor allein mit den Dingen
dieser Welt auszustatten, die den hohen
Besteller sonst umgaben und beschäftigten.

Fiesole hat das eine wie daS andere
getan, jedoch mit Einschränkung und unter
stäter Rücksichtnahme ans sein Hauptziel.
Die Anbetung bleibt Hauptsache trotz der
größten Ausdehnung und Mannigfaltig-
keiten und trotz der glänzenden Ausstat-
tung der Haupt- und Nebenpersonen.

Derselbe Zweck wird auf andere und
man darf wohl sagen raffiniertere Weise
erreicht in den verschiedenen Darstellungen
der Krönung Mariens (Uffizien, Louvre,
Akademie, Silberschrank, Reliqniart. Auch
hier galt es, mitten unter den Scharen
der Engel und Heiligen eine kleine Gruppe
von zwei Personen als den Kern darzn-
tnn. Wie löst der Maler seine Aufgabe?
Er läßt daS himmlische Heer sich in einem
Halbkreis nach der Tiefe des Hintergrun-
des ausbreiten. Die Figuren des Vorder-
grundes kehren dem Beschauer den Rücken
zu. Maria kniet etwas unterhalb Christus,
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