Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

Seite: 45
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und so weist die Verteilung von Hell und
Dunkel, die Faltung und das Weiß der
Gewandung der Mnttergottes zum Kern-
punkt, dem strahlenden Haupte des Sohnes
hin. So werden die Hauptfiguren durch
Beleuchtung und Stellung markiert, die-
jenigen, welche, weil im Vordergrund des
Bildes stehend oder kniend, auch in den
Vordergrund der Betrachtung rücken könn-
ten, werden durch die Nichtung daran
gehindert.

Bei anderen Darstellungen scheinen
einzelne Figuren allerdings das Gegenteil
von Konzentration zu bewirken, die Anf-
merksamkeit von den Hauptfiguren oder
der Hanplhandlung ablenken und sür sich
selber in Anspruch nehmen zu wollen.

Ans verschiedenen Gemälden sind solche
direkt bem Beschauer zngekehrt, so die
zwischen Laurentius und dein Täufer ans
der großen Kreuzigung im Kapitelssaal
zu San Marco (Rothes Tfl. VII, der
Mönch (Thomas von Aquin?) bei der
Krönung Mariä, ans dein Religniar des
Maso ebenda (Rothes Tfl. X, 2), je der
äußerste Bischof und die äußerste Frauen-
gestalt links unten bei der Krönung Mariä
in der Galerie der Uffizien (Beissel, Titel-
bild). Man fühlt sich durch dieselben nn-
willkürlich erinnert an ähnliche Gestalten
bei andern Meistern, die sich dem Be-
schauer znwendcn, als wollten sie mit ihm
kokettieren oder sagen: „Die Geschichte da
nebenan geht mich streng genommen nichts
an. Ich bin nur als Lückenbüßer da.
Aber schön bin ich eben doch, nicht wahr?"
Hat man aber genauer ans sie acht, so
reden sie bei Fiesole eine ganz andere
Sprache. Schon die Innigkeit oder die
Begeisterung in ihrem Blick und Gesichts-
ansdrnck zeigen, daß nicht Zerstreutheit,
Flatterhaftigkeit oder Gefallsucht sie ans
dem Gemälde heransblicken lassen, daß sie
den Beschauer nicht vom Inhalt des Bil-
des ab-, sondern vielmehr aus dasselbe
hinlenken, ihm ihre Gedanken Mitteilen,
ihre Gefühle ans.ihn überströmen lassen
wollen, daß nicht die Interesselosigkeit sie
vom Bilde ablenkt, sondern daß gerade
das Interesse für dasselbe sie dem Be-
schauer zuwendet und gleichsam bei dem-
selben für den Gegenstand der Darstellung
werben läßt. Was das ganze Gemälde
ihm zu sagen weiß und mitznteilen hat,

das . hat sich in ihnen konzentriert und
ist m ihnen zum sprechenden Ausdruck
gekommen.

Zur Eliminierung zerstreuenden Details
einerseits und zur Konzentration des Be-
schauers anderseits hat nun Fiesole'aller-
dings noch ein viel drastischeres Mittel,
ein Mittel von verblüffender Einfach-
heit. er drängt das Detail nicht zurück,
sondern läßt es gleich ganz weg.

Einige Bilder mögen uns. dasWesen
und dieMirknng dieses Verfahrens ver-
anschaulichen.

SelbstverstäiMlch" spielte" in ' einem

Rolle. Run mußten aber gerade diese
geheiligten Scenen diesseits wie jenseits
der Alpen den Tummelplatz abgeben für
die ansschweifendste Volksphantasie, und
es wirkt manchmal geradezu abstoßend,
j wie derb und pöbelhaft sich Volk, Schergen
und Priester auf denselben dargestellt fin-
den, und wie die einzelnen Torturen breit-
getreten sind. Man denke nur an die
Kerker- oder Geißelscenen. Wie gibt der
I Mystiker in San Marco dieselben wieder?

Er hat den Gegenstand wiederholt
behandelt: in den Türfüllungen eines
\ Schranks in der Santissima Annunziata
(Beissel S. 20), in einer Zelle in San
Marco (Rothes Tfl. V, 0 und ander-
! wärts).

Aber es geht ihm sichtlich gegen den
Mann, den grauenhaften Vorgang in sei-
nen sämtlichen Entsetzen erregenden Einzel-
heiten darznstellen, sondern das einemal
sehen wir Jesus von zwei immerhin noch
verhältnismäßig ruhig gehaltenen Schergen
gegeißelt. Das anderemal schlagen und ver-
spotten sie ihn zu vieren, drei schauen zu
und zwei stehen an der Türe; ein dritles-
mal sehen ivir außer der vollen Figur
des Dulders gar nur einen ihn anspeien-
den Kopf, Hände, die ihm die Krone ans
Haupt treiben, höhnend einen Hut erheben
oder zum Schlage ansholen. Von den
rohen Gesellen selber ist nichts wahrzu-
nehmen. Dagegen sitzen etwasZ weiter
unten Maria ans der einen, Dominikus
1 ans der andern Seite und versenken sich
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