Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

Seite: 47
DOI Heft: 10.11588/diglit.15936.27
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15936.29
DOI Seite: 10.11588/diglit.15936#0056
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1903/0056
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
Nikolaus V. Rom), bie Hingebung der
freiwilligen und das Betroffensein der
unfreiwilligen Zuhörer bei einer Predigt
(St. Stephanus erklärt das Evangelium,
ebenda) schildert. Und über dem König
der Schöpfung hat er auch die unschein-
baren Lebewesen, neben der Majestät des
Weltenrichters die Anmut der Blümlein
im Wiesengrund nicht für unbedeutend ge-
halten.

Den Höhepunkt in der Bereinigung von
Idealismus und Realismus, von Versöh-
nung deS höchsten Aufschwungs der Seelen-
kräfte mit den Gesetzen der Anatomie und
der Schwere hat er wohl erreicht in der
Kreuzabnahme (Galleria antica e tno-
derna, Florenz). Das Hauptbild zählt
21 Figuren ohne die Engel in den Lüften,
darunter aber keinen einzigen Statisten:
die einen sind damit beschäftigt, den Leich-
nam abzunehmen und walten mit einer
von der innigsten Liebe und der tiefsten
Wehmut getragenen Sorgfalt ihres Amtes,
andere haben sich um Maria gruppiert
und bezeigen ihr ihre Teilnahme oder
halten die Tücher, die den Leichnam auf-
nchmen sollen, andere betrachten voll
Schmerz die Dornenkrone und die Nägel;
wieder andere stehen mit verlorenem Blicke
da, als ließen sie noch einmal alle die
gräßlichen Bilder an ihrer Seele vorüber-
ziehen, die dieselbe in den letzten Tagen
ausgenommen. So ist hier alles Schmerz,
Mitleid und Verehrung. Bei den Engeln
in den Wolken waltet die Verehrung schon
vor; in den das Ganze wimpergartig ab-
schließenden Dreiecken jedoch herrscht be-
reits Osterfrende (Auferstehung, noli me
tangere und die Frauen am Grabe) und
im Nahmen treten uns die Heiligen ent-
gegen, die aus dem Kreuzestods Christi
die Kraft geschöpft haben, sich durch Erden-
leid und Erdenmühsal oder gar Martyrium
die Auferstehung und Verklärung zu er-
streiten. Ueberall begegnen uns Stimmung,
Gefühl und Gedanke. Darüber sind die
Gesetze der Komposition und Anatomie
nicht vernachlässigt worden: trotz der
Häufung von Figuren keine Zerfahrenheit,
trotz der Zerlegung in mehrere Gruppen
Einheitlichkeit der Gesamtwirkung, trotz
des Zusammenwirkens von Himmel und
Erde eine Genauigkeit bei der Darstellung
der Blümchen am Fuße des Kreuzes, daß

man sie botanisch ganz genau bestimmen
kann, trotz der nachdrücklichen Betonung
des Seelischen und der Vergeistigung des
Materiellen dennoch eine Natnrwahrheit
in dem entseelten Leichnam, daß man
meint, man fühle sein Gewicht. Und mit
welch' einfachen Mitteln ist die Diagonale
paralysiert, die der schief herabgleitende
Leichnam bildet! Der Arm des ans der
Leiter zur Rechten Christi stehenden und
dessen rechten Arm haltenden Mannes,
der dem Leichnam von links sich entgegen-
stemmende Johannes und eine zu seinen
Füßen kniende Figur bilden eine Diagonale
im entgegengesetzten Sinn. Förster hat
nicht zu viel gesagt, wenn er in seinem
Gesamturteil über das Bild resümiert:
Fiesole hat „mit seiner Kreuzabnahme die
Aufgabe vollkommener gelöst, als irgend
ein anderer vor ihm und selbst nach ihm,
Daniel Volaterra mit seinem berühmten
Bilde in Trinitä de’ Monti zu Rom nicht
ausgenommen" (Geschichte der italienischen
Kunst, Leipzig 1872 ln, 209).

Wer so wie Fiesole vertrant ist mit den
Gesetzen der Schönheit, aus bem Zufäl-
ligen und Aeußerlichen das tiefste Wesen
einer Person herausznarbeiten vermag,
neben und in dem Wohllaut der Linien
und der Harmonie der Farben auch das
Gedankentiefe und Stiinmungsvolle der
Seele darzustellen und seine Gestalten über
das Alltägliche hinaus in eine reinere,
idealere Sphäre zu heben weiß, der ist
auch der berufene Mann, diejenige zu
malen, die — die einzige ihres Geschlechtes
— exempt war von den Folgen des Sün-
denfalles, die Fülle der Gnaden empfangen
hatte, dem Schöpfer selber seine Leiblich-
keit gab, sinnend an seiner Seite durchs
Leben ging und alle die Worte in ihrem
Herzen bewahrte: Fiesole ist der berufene
Madonnenmaler. Er hätte ja kein
Kind seiner Zeit sein müssen, wenn er
sein künstlerisches Können nicht mit in den
Dienst der Himmelskönigin gestellt hätte.
Andre hatten das längst vor ihm getan.
Man kann unter seinen Vorgängern be-
reits verschiedene Richtungen unterscheiden,
und Fiesole hat nicht beabsichtigt oder
nicht vermocht, sich ihrem Einfluß ganz
zu entziehen. Die Situationen, in denen
er die Gebenedeite wiedergibt, entnimmt
er ihnen oder vielmehr mit ihnen der-
loading ...