Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

Seite: 53
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kjerausgegebe» und redigiert von Pfarrer Vchcl in St. Lhrisiiua.Ravensbnrg.

Verlag des Rotteuburger Diözesail-Ilmistvereiiis;
Uoiiimissioiisverlaa der Dänischen Buchhandlung (Friede. Silber) in Ravensburg.

Or. 6.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährlich für M. 2.— durch die württembergische», M. 2.20
durch die bayerische» und die SieichSnostansialten, Kronen 2.54 in Oesterreich, Fred. .">.4» in
der Schweiz zu beziehe». Bestellungen »'erden auch angenommen von alle» Buchhandlungen lfOpd^
sowie gegen Einsendung des Betrags direkt von der Dornschsn Verlagsbuchhandlung in '
RaveuSbnrg (Württemberg) zum Preise von M. 2.05 halbjährlich.

Manderungen durch einige Kathe-
dralen daordfrankreichs.

Von M. Schermann.

Wir mögen die Niesenhalten der g o t i-
schen Kathedralen Nordfrank-
reichs durchwandern, ausgerüstet mit
technischem Urteil und einer ansehnlichen
Summe künstlerischen Geschmackes — im-
merhin würde uns zum Vollgennß und
zur allseiligen und gerechten Würdigung
dieser Moninnentalbauten noch ein außer-
ordentlich wichtiges Rüstzeug fehlen, die
Kenntnis der g e i st i ge n Strö m n n g e n
des > 2. und t 3. Jahrhunderts.
Deini wenn die Baukunst wirklich mehr
als ein Handwerk mit) eine Wissenschaft,
wenn sie eine Kunst ist, welche in ihrer
körperlichen Form einen geistigen Inhalt
darstellt, so muß schon um deswillen vor-
ausgesetzt werden, daß sich in dem Stil
dieser kirchlichen Gebäude der große Um-
schwung ausgedrückt hat, welcher in den
Ansichten über religiöse und sittliche In-
teressen eintrat. Wir stehen im Zeichen
der s ch o l a st i s ch e n P h i l o s o p h i e! Und
in der Tat zeigt die Chronologie der Bau-
kunst, daß der gotische Stil seinen Ur-
sprung an eben dem Ort hatte, von dem
die Lehre der sogenannten Scholastik aus-
gegangen war. Der Grundstein zu Notre-
Dame von Paris ward im Jahr vor dein
Tode des dortigen Bischofs Petrus Lom-
bardns (kl64) gelegt, der durch seine
Sentenzen eine Schule stiftete, die das
System der Theologie durch Anktorität
und Vernunft zu beweisen suchte. Paris
war damals der Mittelpunkt der gelehrten
Theologie geworden; dort traten neben

der Kathedrale und der Klosterschnle, in
gewisser Verbindung mit denselben ausge-
zeichnete Lehrer der Philosophie und Theo-
logie ans. Auf dem Pere Lachaise ruht
Abalard , der sich vor allen seinen Zeit-
genossen durch eine nach künstlerischer Form
strebende Philosophie anszeichnet. So finden
wir, daß, wie allmählich die Gotik sich
entwickelt, die aristotelische, scholastische
Philosophie in die Schulen eindringt, und
zu einer Zeit, da diese Philosophie nnnm-
schränkt über die scholastische Theologie
herrschte, sehen wir an dein Kölner Dom
(gegründet 1278) den gotischen Stil seine
höchste Blüte entfalten, eben zu der Zeit, da
der Dominikaner Albert der Große in Köln
den größten Scholastiker Thomas von Agnin
zu seinen Schülern zählte. Wir lesen bei
Rudolf von Nymwegen über ihn die in-
teressante Notiz, er habe, nachdem er zuvor
1245 in Paris war, 1271 — 78 den Chor
der Dominikanerkirche von Köln „wie der
beste Baumeister nach den Regeln und
Satzungen der wahren Geometrie" er-
baut. ‘)

So finden wir in den Formen des
gotischen Stils der französischen Kathe-
dralen die Gedanken der Scholastik wie-
der.')

Vorher hatte sich ans Grundlage der
platonischen Philosophie der eigentümliche
Mystizisinns entwickelt, mit jenem Auf-
snchen von symbolischen Deutungen, das
in den Weissagungen des Alten Testa-

>) Joach. Sighart, Albertus Magnus S. 214
bis 216. Negeusburg.

2) Vergl. Kreuser, Symbolik l, S. 600 ft.
Ritter, Christl. Philos. Bd. I.
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