Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

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mentes feine Nahrung fand. Es war fast
eine gewisse trübe, ernste Weltanschauung,
welche sich überdrüssig van den Wirren
des irdischen Lebens iit die Stille der
Mönchszelle znrückzvg.

An Stelle dieser Vertiefung trat eine
freudige Erhebung zunr lleberirdischen!
Man war in der Theologie dahin getom-
inen, der nach dein Ewigen verlangenden
Seele in den Werken der Natur und
Kunst Nahrung zu geben. Sa legte inan
der Schönheit der Kunstwerke einen eigenen
und von ihrem besonderen Zweck unab-
hängigen Wert bei. Das ist z. B. der
Eindruck, den uns die Lektüre der Vorrede
macht, die der bekannte Mönch Theophilus
dem dritten Buch seiner Anweisung zu den
verschiedenen Künsten vorausschickt: Das
Auge weiß nicht, wohin es blicken soll (in
den Gotteshäusern), die Decke blüht wie
gewirkte Teppiche, die Wände sind wie im
Paradies, an den Fenstern beivnndert
man die unschätzbare Pracht der Glas-
malerei und die Mannigfaltigkeit der köst-
lichen Arbeit. Die heiligen Geschichten
erregen aber je nach ihrem Inhalt das
Mitgefühl mit den Märtyrern, die Furcht
vor den Höllenstrafen tiild die Empfindung
der heiligen Seligkeit.

Es erwacht jene Freude an der Natur,
die sich allenthalben in den Minneliedern
ilnd in dem bekannten Hymnus des hl. Fran-
ziskus von Assisi ausspricht, wo er den
Höchsten preist um aller Kreatur willen,
wo er Sonne, Mond, Sterne, Wind,
Wasser und Feuer als Brüder und Schwestern
anredet, die Erde unsere Mutter und selbst
den leiblichen Tod unsere Schwester nennt.')
Jenen platonischen Ansichten hatten die
gewölbten rvmanischeit Bauten ent-
sprochen. Gedrückt von rnndbogigen Kreuz-
gewölben, von schweren Pfeilern einge-
schlossen, durch verhältnismäßig kleine
Fenster in ein mystisches Dunkel gehüllt,
laden sie zu frommer Betrachtung und
innerlicher Beschaulichkeit ein, wie sie die
Mystik des Mönches Hugo v. S. Victor
in Paris fordert. Auch förderte diese Ver-
tiefung in religiöse Gedanken und Gefühle
unleugbar die Entwicklung des Bilder-
schmuckes der ausgedehnten Wandflächen,
freilich mit dem ausgesprochenen Zweck

’) Borgt, die Lieder des hl. Franziskus von
Assisi, Franksurt 1872.

j als die allgemein verständliche Schrift dem
des Lesens unkundigen Volk die religiöse
lleberliefernng ttnd Wahrheit in Erinne-
rung zu bringen.

Wie ganz anders ist der Eindruck, den
die gotischen Donle von Paris oder
Amiens Hervorrufen!

Ehe wir in die Details eintreten, wollen
wir uns denl Vollgenuß ihrer Wirkung
noch einen Augenblick hingeben. Diese
I mächtigen Türme, die gleich am Eingang
gegen Himmel streben, erheben die Seele
! zum Gefühl der Größe; die gewaltige
Perspektive von hochgewölbten Spitzbögen,
die durch ihre starken Gewölberippen noch
stärker in die Angen fallen, ans schlanke
Sänlenbündel gestellt, zwischen denen ge-
räumige Fenster reichliches Licht herein-
strömen lassen, ziehen den Geist unwider-
stehlich nach oben. Der Chor faßt die
Perspektive und fast alle Wölbungen in
einen Schlitßstein zusammen und geleitet
so das Auge zu dem einen Schlnßpnnkt
über der heiligsten Stätte. Jedes Fenster,

! jede Galerie, jedes Ornament wiederholt
dasselbe System von hochragenden Pfeilern
und Wölbungen. Die Skulpturen der
Portale werden unentbehrliche Teile des-
selben; die Schreine auf den Altären bieten
; in ihrem reichen Schnitzwerk eine Wieder-
holung des gotischen Baues. Gemalte
Fenster lassen das Himmelslicht in erhöhtem
! Glanze hinein, ohne das Auge zu ver-
locken von dem, was da drinnen vorgeht,
sich abzumenden; sie sind durch das Maß-
werk enge mit den architektonischen Formen
verbunden.

> Aber auch die andere Richtung der
' Scholastik tritt uns an den französischen
Bauten der gotischen Zeit entgegen, jenes
! Streben, das darauf ansgeht, das gesamte
Wissen in einer enzyklopädischen,
s y st e ui atisie r ende n Weise zu umfassen.
Man scheint an einigen französischen Kirchen
geradezu den Grundsätzen, die Vinzenz
von Beauvais in seinem S p e c u 1 u m
m u n d i, dem bekanntesten enzyklopädischen
Werke jener Zeit, aufgestellt hat, gefolgt
zu sein; z. B. wenn wir die Portale der
Notre-Dame von Chartres betrachten, die
ein Sknlptnrenwerk von 1814 Statuen
1 zur Schau tragen, wovon später im ein-
zelnen geredet wird.

So erscheint die französische Gotik als
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