Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

Seite: 55
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der reinste Ausdruck des Geistes, welcher
in der scholastischen Philosophie lebte,
teils durch den Reichtum der Mittel,
welche jedes für sich und alle in Ge-
meinschaft dahin zielen, mit dem äußeren
das innere Auge gen Himmel und auf
das Neberirdische zu lenken, teils durch
das Streben nach systematischer Zusammen-
fassung, das sich in der gesamten Kon-
struktion und Ornamentierung, aber auch
in den umfangreichen und tiefdurchdachten
bildnerischen Kompositionen geltend macht.

Diese allgemeinen Grundsätze durch
Einzelbcobachluugeu zu erhärten und zu
beweisen, mag der Zweck der folgenden
Schilderungen sein!

Dabei war es dem Verfasser nicht um
eine auch nur einigermaßen erschöpfende
künstlerische Kritik der einzelnen durch-
wanderten kirchlichen Bauten zu tun;
vielmehr sucht er nur die unterscheidenden
und besonders charakteristischen Merkmale
herauszuheben.

Es ist nicht nur der zufällige Ausgangs-
punkt unserer Knnstwandernngen, wenn
wir uns ans kurze Augenblicke in die
Schönheit der Pariser Riesenkathedrale,
der N o t r e - D a m e, versenken; wir
befinden uns zugleich am Ausgangspunkt
der Entwicklung des gotischen Stils, der
hier zugleich eine seiner schönsten Blüten,
diese herrliche, in Größe und Einfachheit
der Idee und Originalität der Komposi-
tion vielleicht nie mehr erreichte Fassade
geschaffen hat. Mit den Worten des
Chronisten: Mole sua terrorem incutis
spectantibus, dürfte der Eindruck am
richtigsten wiedergegeben sein, den dieses
majestätische und harmonische Riesenwerk
auf uns macht. Es ist kein Zufall, daß
die Geschichte stumm ist über die Künstler,
und kaum zu befürchten mag ihre Ent-
deckung sein, die der unsterblichen Schöpfung
den interessanten Schleier der Anonymität
nähme.

Das, was die Pariser Kathedrale vor
allen andern auszeichnet, ist die außer-
ordentliche Klarheit der Komposition; sie
bleibt das klassische Beispiel dafür, daß
die Logik der beste Ratgeber der Architektur,
die fruchtbare Quelle glücklicher Erfin-
dungen ist.

Vergegenwärtigen wir uns den Auf-
bau der Fassade, deren monumeu- !

taler Effekt hauptsächlich auf der geregelten
Freiheit beruht.

Die untere Etage setzt sich ans den drei
Portalen zusammen, der Pforte des Ge-
richts, der hl. Anna, der heiligen Jung-
frau, deren Archivolten und Tympanen
von einer Welt von Skulpturen bevölkert
sind. Darüber entwickelt sich eine Ga-
lerie, geschmückt mit Kolossalfiguren von
Königen, mögen es die Könige Frank-
reichs, oder mit größerer Wahrscheinlich-
keit die von Juda sein, lieber dieser als-
dann erhebt sich die dritte Etage, die der
heiligen Jungfrau, mit der immensen
Rose, über welcher eine wunderbare Ga-
lerie von unbegrenzter Reinheit und Ele-
ganz die vierte Etage bildet; die Ecken
der Balustrade finti mit phantastischen
Tierfiguren geschmückt, deren die Notre-
Dame in ihren verschiedenen Teilen eine
ganze Sammlung in den mannigfachsten
und interessantesten Formen und Anwen-
dungen aufweist. Diese Galerie hüllt die
Basis der Türme ein mit ihrer brillanten
Spitzenarbeit. Sie gibt uns in ihrem
Fortschreiten voin Vollen zum Leeren ein
unvergleichliches Beispiel von Geschmack,
einen außerordentlich klaren Einblick in
den Effekt, der im gotischen Relief und
in der Verteilung der Massen liegt. Die
letzte Etage, nicht die geringste, ist den
Türmen reserviert, deren gigantische Anne
sich über die Galerie ziemlich bedeutend
erheben. Freilich sind die viereckigen
Türme, bestimmt einen Helm von Steinen
zir erhalten, schließlich nicht ausgebant
worden. Der Architekt hat sich bei der
Plattform aufgehalteu; vielleicht ans
Mangel an Geld, vielleicht hat man das
Werk so für vollendet geglaubt. In der
Tat könnte das Hinzufügen des Fehlenden
den Charakter und die Kraft der Fassade
nur abschwächen. Ein aufmerksamer Be-
schauer wird wahrnehmen, daß der Turin
der Nordseite merklich breiter ist, als der
südliche; denn abgesehen von der un-
gleichen Zahl der Figuren an dcr Galerie
der Könige ist auch die Pforte der hei-
ligen Jungfrau weniger hoch als die der
hl. Anna. Mau mag diese Dissymmetrie
erklären wie man will, sie gibt der Fassade
sogar, meine ich, einen lebhafteren Anblick
und einen eigenartigen Reiz der Schönheit,
i Diese Fassade ist ein herrlicher Traum
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