Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

Seite: 57
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entstehende Grazie der neuen; sie steht,
wie L. Ganse ') sagt, „am flüchtigen
Punkt des Jünglings- und Mannesalters".
Selbst im Vergleich mit Amiens, welches
der Typus technischer Vollendung ist,
wird die Pariser Kathedrale ein uner-
schöpfliches Thema für das Studium der
Künstler und Fachleute sein, ein Modell
von Harmonie und Proportion, von
richtigem Verhältnis unter allen Teilen.

Dazu noch die Masse von Erinnerungen
vis ans Napoleon I.! Welche Predigten
haben diese Knnsthallen dnrchtönt seit
den Reden des hl. Dominikus bis auf die
zündenden mib begeisternden Worte des
?äre Lacordaire! Sieben Jahrhunderte
voll von Wechselfällen, die sich im ein-
zelnen auch an der Bauart nicht ver-
leugnen lassen, und doch scheint es, daß
die alte Basilika heute jünger und stolzer
ist, als je zuvor.

Man sollte die Notre-Dame auch abends
öfters besuchen, wenn die Kirche sich ent-
leert und das Mysterium der Schatten in
ihre Schiffe eindringt. Dann wird man
durch die Poesie dieser großen Kunst des
Mittelalters frappiert, durch ihre intime
Verbindung mit den Gedanken und Ge-
fühlen ihrer Zeit.

Wir setzen unsere Wanderung durch die
Gefilde der französischen Gotik fort! Die
Kathedrale von Chartres bietet
uns die reichste und vollständigste Dar-
stellung einer Enzyklopädie der philo-
sophischen, theologischen und historischen
Ansichten und Kenntnisse des Mittelalters.
Sie möge als typisches Beispiel genauer
hier beschrieben werden!

Zunächst ist die von aliers her übliche
Anordnung beibehalten, wonach die Nord-
seite der Kirche, links von: Haupteingang,
den Darstellungen ans dem Alten Testa-
ment, die Südseite, rechts vom Haupt-
eingang, dagegen denen aus dem Neuen
Testament gewidmet ist. Die theologischen
und philosophischen Darstellungen sind so
verteilt, daß an dem südlichen Portal die
christliche Weltgeschichte mit der Dar-
stellung des jüngsten Gerichts, dein Ende
und Ziele derselben abschließt, während
alles übrige an der Nordseite mit den Ge-
schichten des Alten Testaments in Ver-

0 l’Art gothique S. 168 ff.

biudung gebracht wird. Man sieht an
der nördlichen Pforte die Schöpfungs-
geschichte bis zur Vertreibung aus dem
Paradies dargestellt in 36 Relieftafeln
und 75 Statuen, dann die jüdische Ge-
schichte in den drei Türöffnungen dieser
Pforte. Hieran reiht sich eine zweifache
Darstellung der Aufgaben des menschlichen
Lebens, eine theologische und eine philo-
sophische, jene in den Gurten der Tür-
wölbung, diese in den Arkaden zu beiden
Seiten der Pforte. In der Wölbung der
Türe sieht man 48 Statuen, welche die
Tugenden und Laster darstellen, und zwar
sind nach außen die theologischen nnd
politischen, nach innen die häuslichen und
innerlichen angebracht. Sodann ist in den
Arkaden durch eine Reihe von 103 Figuren
die weltliche Arbeit der Menschen ge-
schildert. Zunächst vertreten drei Figuren
die Schulwissenschaft, soweit sie nicht theo-
logisch ist, ein Philosoph, ein Geometer
nnd ein Wahrsager treten ans. Sie sollen
wohl dein Trivium, d. h. den drei höheren
scholastischen Wissenschaften: Rhetorik, Geo-
metrie und Astronomie, entsprechen. Da-
neben findet man die Arbeiten des bürger-
lichen Lebens in zwei Kalendern dargestellt,
von denen der eine die ländlichen Arbeiten
des Ackermanns, Weinbauers u. s. w.,
der andere die städtischen Arbeiten der
verschiedenen Handwerker nach den Mo-
naten des Jahres geordnet enthält.
(Fortsetzung folgt.)

Löwe und L)uud au den Safrcv
mentshäuschen.

Bo» Pfarrer 3{ e i t c r.

In manchen ans dem Mittelalter stam-
menden Kirchen trifft man noch Sakra-
mentshäuschen oder Fronwalme, und es
gewährt einen eigenartigen, hohen Genuß,
ihren Bau nnd ihre Schönheit zu be-
trachten und ihre Figuren in das Verhör
zu nehmen, damit sie uns verraten, wie
sie an ihre Stelle gekommen seien. Einem
solchen Verhöre möchten wir im folgenden
auch zwei Tiere unterziehen, welche man
bisweilen an Wandtabernakeln angebracht
findet. Wird es gelingen, sie zum Sprechen
zu bringen?

In „Württembergs kirchlichen Kunst-
altertümern" wird bei Hailfingen ein spät-
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