Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

Seite: 58
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gotisches in Tnrmform gebautes Sakra-
mentshänschen erwähnt iutb gesagt, daß
am Gesims der Nische je zwei Hunde
kauern. Eben daselbst erfahren wir, daß
in Dettingen, OA. Nottenbnrg, auf dem
Gesimse des spätgotischen Wandtabernakels
in der dortigen Kirchhofkapelle Hund und
Löwe ruhen. Aehnliches haben wir bei
dem schlanken Sakramentshänschen in der
ehemaligen Klosterkirche zu Stetten bei
Hechingen beobachtet: Vor der einen Türe
des Tabernakels liegt ein Löwe, vor der
andern ein Hund. In Wimpfen im Tal
ist diese Art von Tabernakelbelebung
(Benningenscher Tabernakel) ganz beson-
ders auffallend. Nach den Angaben bei
Mone sind an der Türe des Sakraments-
hänschens ein liegender Löwe oder Hund,
an den drei Fenstern ein Hund mit Hals-
band, liegend, — ein solcher mit einem
Knochen und ein räudiger Hund, welcher
verendet, abgebildet. Also in vier Fällen
Höwen oder Hunde vor den Sakraments-
häuschen! Das kann offenbar kein bloßer
Zufall oder keine bloße Spielerei sein, es
müssen in den genannten Fällen, deren
Zahl sich bei genauerer Beobachtung wohl
noch vermehren dürfte,') den Künstlern oder
ihren Auftraggebern besondere Ideen oder
Gedanken vorgeschwebt haben. Suchen
wir dieselben zu ermitteln.

Das Bild des Löwen fand und findet
sowohl in der profanen, als auch in der
kirchlichen Kunst mannigfache Verwendung,
besonders häufig erscheint es an den alten
Kirchenportale», wo das Tier nach allge-
meiner Annahme als Wächter — teilweise
aber auch als Gegenzauber (vergl. das
Medusenhanpt) anfzufassen ist, damit die
in böser Absicht sich Nahenden zurückge-
schreckt werden. Von den Kirchenportalen
könnte nun der Löwe sehr leicht an die
Türen der Sakramentshäuschen gewandert
sein, welche ja als Gottes- oder Herr-
gottshänser im engeren Sinne zu bezeich-
nen sind. Unter dieser 'Voraussetzung
würde dann der Gedanke an den Löwen,
welcher außen Wache hält, und der Ge-
danke an den sakramentalen Christus,
welcher drinnen wacht i„Der Hüter Is-
raels schläft und schlummert nicht"), zu
einer schönen Einheit zusammenflicßen. —

') Löwen und Hunde au deni Gesimse des Sakra-
inentshäurcheus zu St. Georg in Dinkelsbühl!

Zu einem ähnlichen Resultate gelangen
wir auf einem anderen Wege. Die Stufen
znm Throne des Königs Salomo waren
mit Löiveit geschmückt (Ui". Buch der Kö-
nige 10, 18 — 20), und Löwen sieht Ulan
auch ai>f den Nachbildungen desselben
(Münster in Straßburg; Bebenhansen).

Wird nun der Tabernakel als thronus
Salomonis betrachtet, dann legt es sich
ohne weiteres nahe, an bem Zugang zu
demselben Löwen anzubringen, und so
wäre es gar nicht unmöglich, daß wir die
ans dem Gesimse lagernden Löwen lei
beit Wandtabernakeln zu den Löwen am
Throne Salomos in Beziehung zu bringen
hätten. — Endlich ist noch daran zu er-
innern, daß in der heiligen Schrift Christus
selbst mit einem Löwen verglichen wird
in jener bekannten Stelle in der Apoka-
lypse Kapitel 5, Vers 5, wo eS heißt: „Es
hat gesiegt der Löwe aus dem Stamme
Juda". Ist Christus ein Löive, dann ist
auch kein Zweifel darüber, daß sein Bild
am Tabernakel Christus den Herrn sym-
bolisieren und kund tun soll, daß er hier
sein Löwenlager aufgeschlagen habe. Eine
solche Auffassung hat echt mittelalterlichen
Bodengeschmack, wie nur schon daraus er-
sehen, daß auf einem ans dem 15. Jahr-
hunderte stammenden Löwenteppich ans
Billingen (Lömenteppich —- der mit dem
Bilde des Löwen geschmückte Teppich, ans
welchem der Professe im Mönchschor sein
Gelübde ablegt) die Worte zu lesen sind:
„ich wil die weit lan (lassen) und wil
mich zuo dem Löwen han“ (halten).

Noch eilt Gedanke. Bisweilen erblickt
ntan auf oder an den Sakramentshänschen
das Bild des Auferstandenen (Weilder-
stadt), und es soll dasselbe wohl auf den
Zusammenhang zwischen Eucharistie und
Auferstehung Hinweisen. Die gleiche Idee
mag auch das Bild des Löwen znm Aus-
druck bringen, sofern der Löwe früher viel-
fach als Symbol des Auferstandenen oder
der Auferweckung von den Toten geholten
hat. Alan denke nur an die Sage, daß
der Löwe seine Jungen durch sein Gebrüll
am dritten Tage zunt Heben bringe. (Dar-
stellungen: Schlußstein in Bebenhausen;
das von Prälat Schneider beschriebene
Uxknllsche Antependium; Glasgemälde der
Kathedrale von Bourges; früheres Glas-
gemälde von Wimpfen int Tal, jetzt int
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