Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

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Museum zu Darmstadt; Glasgemälde iu
der Gruftkapelle des Aiariä Empfängnis-
domes zti Liuz. Simson mit dem Löwen
iu Maulbrouu, Münster iu Koustauz.)
Hierher gehört auch noch die Amveuduiig
dieses Bildes iu Kourad vou Würzburgs
goldener Schmiede, wo der Totenschrei
des mit Kreuze sterbenden Heilands die
Toten weckt, wie der Löwe seine Jungen.
Ist vielleicht der Löwe iu der Felsenhöhle
unter dem Kreuze ans dem Steinrelief zn St.
Bnrchard in Würzburg auch als Symbol
des Totenerweckers Christus aufzufassen?

Gehen wir nun zur Erklärung des
zweiten Tieres an den Sakramentshäus-
chen über und fragen ivir, wie denn der
Hund dorthin gekommen sei.

Zunächst ist der Hund an dem Taber-
nakel wohl eine Anspielung auf die Worte
in dem bekannten eucharistischen Hymnus
deS hl. Thomas von Aguiu: »Ecce panis
angelorum — vere panis filiorum —
non mittendus canibus«. „Sehet hier
die Engelspeise, wahrhaftig das Brot der
Kinder, das man nicht den Hunden vor-
werfetl darf." Es soll das Tier den
Gläubigen sagen, daß die Unreinen die
Eucharistie tiicht genießen dürfen. „Ferne
bleib' Entheiligung!" »Nolite dare sanc-
tuni canibus.« Matth. 7, 6. »Fons
canes!« Apot. 22, 15. Aber kaum ist
dieser Ton angeschlagen, so wollen schon
auch die Gedanken mitanklingen, welche
das kananäische Weib ausgesprochen: „Ja
Herr, auch die Hündlein essen vou den
Brosamen, die von ihrer Herren Tische
fallen." Wie die Hündlein als Hausge-
nosseu vom Brote ihrer Herrn etwas be-
komme», so bekommen auch wir sündige
Menschen als commensales Brot am
Tische des Herrn. Mithin kann der Hund
vor dein Sakramentshäuschen in bösem
und in gutem Sinne gedeutet werden, und
es will uns fast bedünken, daß die letztere
Deutung einen gewissen Vorzug bean-
spruchen dürfe. „Lasset uns wie Hündlein
zu den Füßen Jesu liegen," sagt einmal
irgendtvo der hl. Bernhard, und diese
Worte des großen Heiligen sind es beson-
ders, welche jene Sakrameutshäuschen um-
töneu, vor deren Türen Hündlein lagern.

Wir könuten nun unsere Abhandlung
schließen, allein,- wenn es wahr ist, daß
die Allegorie einen gar weiten Mantel

habe, daun tnüssen wir noch einige Punkte
erwähnen. Bis jetzt ist es, wie es scheint,
noch nicht gelungen, in einem Hymnus
oder in einer Predigt eine Stelle aus-
findig zu machen, welche beide Tiere mit
einander nennen und eine einheitliche, hie-
her gehörige Idee mit ihnen verbinden
würde. Deswegen ist man bei der Frage
nach der letzteren mehr nur auf Ver-
mutungen angewiesen und kann der Ein-
bildungskraft freien Lauf lassen. Haben
wir bisher bedacht, was jedes Tier einzeln
spricht, so können wir jetzt darauf Hin-
weisen, daß sie gemeinschaftlich vor dem
Tabernakel ihr Benedicite verrichten.
Ebenso können wir sage», daß die ange-
führten Worte des kananäischen Weibes
und die Worte im Psalm 1b3 V. 21
„catuli leomini rugientes, ut rapiant et
quaerant a Deo escam sibi‘‘ wieder zu
einem schönen Accord zusauunenklingeu.
Eine weitere Harmonie ergibt sich, wenn
wir die Idee der Wachsamkeit festhaltend
Löwe und Hund als Wächter vor der
Residenz des sakramentalen Christus be-
trachten oder beide als Symbole von Tu-
genden ins Auge fassen. Diese Tugenden
wären dann besonders Stärke und Treue,
sei es, das; wir dabei au den starken und
treuen Christus denken, oder aber an die
Gläubigen, welche sich im heiligen Sakra-
ment Stärke und Treue holen, also, daß sie
gleich fenerschnanbenden Löwen von dannen
ziehen oder Len und Drachen zertreten.

Der Kuriosität halber sei aus Moues
„Bildenden Künsten am Bruhraine und
im Kraichgan" eine Notiz angefügt, welche
sich auf die Tiere am Sakrameutshäus-
chen zu Wimpfen bezieht. „Die meisten
Archäologen und Theologen, sagt Moue,
haben sich bei Erklärung dieser Reliefe
damit geholfen, daß sie dieselben nicht
sahen. Andere haben nicht ohne beißen-
den Spott jene Tiere ans die vier Kon-
fessionen bezogen, welche in der Dogmatik
bezüglich des Abendmahls in Betracht
koinmen, nämlich die römisch-katholische,
griechisch-schismatische, die lutherische und
die calvinistische Lehre. Dies ist aber
falsch, denn das Werk ist vor 1517 ge-
macht worden."

Erwähnen wollen wir noch, daß über
alten Kirchenportalen bisweilen ein Löwe
und ein Ochs neben einander angebracht
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