Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

Seite: 65
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yeransgegcbeu und redigiert von Pfarrer Ochel in St. Lkrisiiiia-Ravciisbnrg.

Verlag des Rottonbm'uer Diözesan-7t»nsiverei»s;

Roniinifsionsverlaa der Dornfchcn Buchhandlung (Friede. Alber) in Ravensburg.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährlich für M. 2 — durch die württeinbergischen, M. 2.20
durch die bayerischen und die Reichspostanstalten, Kronen 2.54 in Oesterreich, FrcS.. 3.40 tu
[♦ der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden auch angenommen von allen Buchhandlungen TQQQ

i * l ♦ sowie gegen Einsendung deS Betrags direkt von der Dornschen Verlagsbuchhandlung in J 0*
Ravensburg (Württemberg) zum Preise von M. 2.05 halbjährlich.

Wanderungen durch einige Kathe-
dralen Nordfrankreichs.

Von M. Sch er in nun.

(Fortsetzung.)

Es dürfte hier nicht miiiiteressaiit sein,
zum Vergleich an die 54 Reliefs nnd 16 Sta-
tuen zn erinnern, die an den 3 unteren
Stockwerken des Fl 0 r e n tin e r Glocke n-
tnrms zu sehen sind. Dort ist die Be-
schäftigung der Menschen historisch in eine
Darstellung der Kulturgeschichte gekleidet.
Dagegen fehlt die Geschichte des Alten
und Neuen Testaments. Die Auffassung
ist eigentümlicher als die von Chartres
nnd in manchen Beziehungen geistvoller.

Außer dieser skulpturellen Enzyklopädie
ist noch das Ensemble von Glasge-
m ä l d e n *) zu beachten, das in der edlen
Basilika von Chartres einen ausgezeich-
neten Platz einnimmt. Es ist das be-
merkenswerteste und vollständigste En-
semble, das einzige ganz komplette, das
auf uns gekommen ist. Wer immer diese
Kathedrale besichtigt und studiert hat, ivird
gerne zugeben, das; es ein feenhafter Ein-
druck ist, den dieser Wald von herrlichen
Glasgemälden hervorrnft. Die Zahlen
haben hier Worte! Diese durchsichtige
Dekoration umfaßt nicht weniger als 125
große Fenster, 9 große Rosen, 85 mittlere
Rosen und 12 kleine, nnd bedeckt eine
Fläche von mehreren Tausend Quadrat-
meter». Interessant sind die Persönlich-
keiten, die ans den Fenstern als Stifter
figurieren; neben dem hl. Ludwig, Ferdi-

‘) lieber französische Glasmalerei vgl. De

Lasteyre, Histoire de la Peinture sur Verre
d’apris les. Monuments eil France.

nand von Kastilien, Amaury von Mont-
fort, Pierre de Cvurtenay u. a. erscheinen
Küfer, Tuchmacher ;ind andere Handwer-
ker. Die Glasgemnlde von Chartres ge-
hören beinahe ganz zur ersten Hälfte des

13. Jahrhunderts. Die schönsten Fenster,
die der Seitenwände sind aus dem ersten
Viertel; die große westliche Rose stellt das
letzte Gericht dar. Interessant sind na-
mentlich die drei Fensterfüllungen unter
dieser Rose, die ans den; 12. Jahrhundert
stammen; sie stellen den Baum Jesses,
die Kindheit Jesu und die Passion dar.
Die große nördliche Rose, »la rose de
France«, welche vom hl. Ludwig gestiftet
wurde, ist der Verherrlichung der hl. Jung-
frau geweiht; in den Fenstern, die unter
der Rose liegen, sicht man die Figuren
der hl. Anna, Melchisedechs, Aarons,
Davids nnd Salomons. Die Südrose
ist der Glorifikation Christi gewidiilet;
darunter die Jungfrau und die 4 großen
Propheten, Jsaias, Jeremias, Daniel und
Ezechiel, jeder einen der vier Evangelisten
tragend. Ailch Fürsten und Fürstinnen
des 13. Jahrhunderts sind in den Glas-
gemälden des Querschiffs dargestellt. In
den unteren Fensteröffnungen, ivelche die
Seitenschiffe erhellen, sieht man in farben-
prächtiger Ailsführung, mannigfaltiger
Zeichnung ilnd fruchtbarer Erfindung
Scenen aits dem Alten und Reuen Testa-
ment, aus den; Leben der Heiligen 1111b
der Geschichte der Kirche. Die hohen
oberen Glasgemälde sind mit Figuren
von kolossalen Dimensionen, wahren
Meisterwerken der dekorativen Kunst, ge-
schmückt, weniger sorgfältig in der Aus-
führung, da sie bestimmt sind,, von ferne
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