Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

Seite: 67
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ihre glanzvollste Ausbildung erhält! Lei-
der ist das Maß architektonischer Rein-
heit und Klarheit durch zu reiche plasti-
sche Ausstattung fast überschritten. Im
ganzen finden mir aber das System der
Gliederung, wie es seit der Kathedrale
von Laon befolgt war, zur klarsten Ent-
faltung gebracht. Sie ist dreiteilig, durch
wuchtige Streben abgeteilt, welche taber-
nakelartige Abschlüsse tragen. Die drei
Portale sind Halle und Türgliedernng
zugleich, geben aber das architektonische
Gesetz gegen das bildnerische so ziemlich
preis, da sie statt der eigentlichen Dachung
nur mehr mit Scheiugiebeln versehen sind;
auch diese sind mit Skulpturen ausge-
schmückt. Prächtig wirkt im Mittelfeld
die große Rose mit ihrem Maßwerk, zu
beiden Seiten öffnen sich zierlich schlanke
spitzbogige Maßwerkfenster; darüber zieht
sich eine durchgehende Statuengalerie hin.
Dazu noch die leichten Turmgeschosse in
edelster Behandlung gotischer Form —
und doch läßt sich der Eindruck nicht ver-
wischeu, daß im Ganzen noch die großen
Linien der Horizontale vorherrschen. —
Der berühmte Baumeister Viollet-le-Duc
erklärt,') daß die Kathedrale ursprünglich
ans sieben Türme angelegt gewesen sei,
von denen mir freilich nicht wissen, wie
weit sie geführt waren, als der ver-
hängnisvolle Brand von l481 das Dach
der oberen Partie zerstörte. Diese An-
lage wäre allerdings nicht ohne Vorgang;
denn sie tritt bereits, wenn auch uu- >
vollendet, an der ebenfalls außerordent-
lich interessanten Kathedrale von Laon in
größter Stattlichkeit ans.

Man kann sich nicht von Reims tren-
nen, ohne noch einiger Details des bild-
nerischen Schmuckes der mächtigen Kathe-
drale in kurzen Bemerkungen 311 gedenken.
Es würde ja ein ganzer Band nicht ge-
nügen, dieses Volk von 2500 Statuen,
die dort ein wahres Museum von deko-
rativen und monumentalen Skulpturen
bilden, zu beschreiben. Teilweise sind die
Figuren, namentlich die der Gnrtpfeiler,
älter als die Rekonstruktion, und manch-
mal harmonieren sie nicht mit dem archi-
tektonischen Stoff. Aber die Details

>) Dictionnaire raisonne de l’Architeclure
frangaise II S. 32-1.

dieses verschwenderischen Bilderschmuckes
sind wunderbar! Die 22 Kolossalstatuen
der Pfeiler des Mittelportales und des
linken sind besonders berühmt. ES gibt
vielleicht nichts Auserleseneres und Leben-
digeres in der Kunst des 13. Jahrhun-
derts, als die Porträts dieser Bischöfe
und Fürsten. Am Mittelportal sind die
zwei Figuren der Heimsuchung und die
beiden der Reinigung Mariä außerordent-
lich bedeutend, in den vier andern wollte
man die Magier und eine Königin bei
ihnen sehen. Am linken Portal treten die
hauptsächlichsten Erzbischöfe von Reims
und seine ersten Märtyrer, Saint Remi
mit seiner Mutter Celinie, der hl. Apolli-
naris, Begleiter des hl. Nicarius u. s. w.
auf. Diese 22 Figuren von hoher Sta-
tur, abgeschliffeu und geschwärzt durch die
Zeit, mit ihrer süßlächelnden Anmut und
ihrem milden Ernst sind der Glanzpunkt
der Portale von Reims. Nicht minder
großartig wirkt in der Höhe über der
großen Bogenrundung die kolossale Gruppe
der Krönung Mariä, die im Strahle
der Sonne leuchtet wie die glänzendste
Goldschmiedearbeit.

Was man in Reims ohne Vorbehalt
bewundern muß, die grandiose Konzep-
tion des Werkes, die mächtige Ausführung,
die prächtige Anordnung der Westfassade
und das harmonische Zusammenstimmen
der Ornamentation, das alles finden wir
in noch viel feinerer Weise ansgedacht
und angewandt mit ebenso viel Maß als
Nichtigkeit und Zweckmäßigkeit an dem
Juwel gotischer Bauten des 13. Jahr-
hunderts, an der Kathedrale von
Amiens.

Der äußere Effekt dieses berühmten
Bauwerks ist außerordentlich bedeutsam
und imposant, wenn mau sich ihm nähert,
i steht aber trotzdem nicht im Verhältnis
mit der wirklichen Immensität seiner
Proportionen und seinem künstlerischen
Wert. Die Notre-Dame von Amiens ist
erbaut im Mittelpunkt einer großen Stadt
ohne Charakter. Nichts von dem, was
sie umgibt, ist geeignet, ihre Schönheit
und ihre Dimensionen zur Geltung kom-
men zu lassen. Denn der Werkmeister
der Jle-de-France, der die Pläne zur
gegenwärtigen Kathedrale gab, ein Laien-
architekt Robert de Lnzarches, dem in der
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